Mobil gegen Migräne und Kopfschmerzen
Mithilfe mathematischer Modelle analysiert die App M-sense die Daten, die der Nutzer eingibt, um das persönliche Migränemuster des Nutzers zu erkennen. (Alle Fotos: Newsenselab GmbH)

Mobil gegen Migräne und Kopfschmerzen

100.000 Menschen fehlen in Deutschland wegen Migräne jeden Tag bei der Arbeit. Ebenso viele schleppen sich trotzdem zur Arbeit mit merklichen Leistungseinschränkungen. Mit der App „M-sense“ können die Migränetage reduziert und das Leben wieder lebenswerter werden.

Der Physiker Dr. Markus Dahlem ist einer der Mitgründer der Newsenselab GmbH in Berlin, die die App im September 2016 auf den Markt brachte. Er forscht seit mehr als 25 Jahren zum Thema Migräne und sagt: „Es ist unsere Vision, das Wissen weltweit führender Kopfschmerzspezialisten und die wirkungsvollsten Therapieansätze dem Nutzer an die Hand zu geben.“ Die App soll ihre Anwender zu Experten für die eigene Gesundheit machen. Im Kopfschmerztagebuch dokumentieren die Betroffenen ihr allgemeines Befinden, Schlaf, Schmerzattacken, mögliche Auslöser und Medikamenteneinnahmen. „M-sense“ sammelt die Daten, fügt Wetterdaten hinzu und analysiert mithilfe mathematischer Modelle die Daten, um das persönliche Migränemuster des Nutzers zu erkennen. Auf dieser Grundlage werden ihm Therapiemethoden wie Entspannungsübungen und Bewegungstraining vorgeschlagen. Auch ein Bericht für den Arzt kann erstellt werden. Auf diese Weise lassen sich sowohl die Zahl der Migräne-Attacken als auch der Medikamentenkonsum um bis zu 40 Prozent reduzieren.

Potenzial anerkannt

Dass die App einen Nerv nicht nur bei Migräne- und Kopfschmerzpatienten trifft, wurde schnell klar. Die vier Gründer – neben Dahlem der Mensch-Maschine-Experte Stefan Greiner, der Datenwissenschaftler und Softwareentwickler Simon Scholler sowie der Systemarchitekt Martin Späth – erhielten im November 2016 eine Finanzierungszusage durch den Hightech-Gründerfonds, „Think.Health Ventures“, Flying Health und einen privaten Business Angel. Im gleichen Jahr konnten sie sich auch über den Eugen-Münch-Preis für Netzwerkmedizin freuen. Ein Jahr später wurde „M-sense“ mit dem Unternehmerpreis des Business Angel Club Berlin-Brandenburg ausgezeichnet. Wenige Monate später folgte die Verleihung des „BIZ.VISION Award für wegweisende Business-Lösungen“.

Mittlerweile wurde die App bereits von rund 220.000 Menschen heruntergeladen und das Start-up konnte sich 2018 in einer zweiten Runde die weitere Finanzierung im siebenstelligen Bereich sichern. Wertvoll für das Gründerteam ist darüber hinaus die Zusammenarbeit mit Unternehmen, Krankenkassen und Forschern. So startete 2017 zum Beispiel ein Pilotprojekt, bei dem die App von betroffenen Telekom-Mitarbeitern genutzt wird. „M-sense“ ist zudem bereits als Medizinprodukt CE-gekennzeichnet und wird nächstes Jahr gemäß der europäischen Richtlinie durch eine benannte Stelle zertifiziert. Die Zertifizierung ist zwar für ein junges Unternehmen aufwändig und teuer, ist aber laut CEO Dr. Florian Koerber notwendig, um in dem von Krankenkassen finanzierten Gesundheitsmarkt Fuß zu fassen. Wem das nicht gelinge, der tue sich schwer, ein Erlösmodell zu finden. „Die App muss ständig weiterentwickelt werden, das kostet Geld. Doch die Nutzer sind in der Regel genauso wenig bereit für eine ernsthafte medizinische App zu bezahlen wie für andere medizinische Leistungen, für die sie versichert sind. Sie sind zu Recht der Meinung, wenn es ihrer Gesundheit diene, müsse ihre Krankenkasse das tun“, erklärt der CEO. „Deshalb bemühen wir uns intensiv um einen Wirksamkeitsnachweis und um Zugang zur kollektivvertraglichen Erstattung. Letzteres bedeutet, dass wir nicht mit jeder einzelnen Krankenkasse einen Vertrag abschließen müssen.“ Die privaten Krankenkassen sind etwas flexibler als die gesetzlichen, deshalb können die Mitglieder der ersten digitalen Krankenversicherung Ottonova die kostenpflichtigen Module von M-Sense bereits erstattet bekommen.

App unterstützt Migräneforschung

Koerber betont die Wichtigkeit von Forschung, nicht nur für die Patienten, die Nutzer der App, sondern auch um die Migräneforschung insgesamt weiterzubringen. Schließlich gewinne das Unternehmen über die App sehr wertvolle Daten über die Krankheit. Der Algorithmus hinter der App lerne über die eingegebenen Daten der Nutzer ständig dazu. Im November 2018 startete das Start-up deshalb gemeinsam mit der Klinik für Neurologie der Charité Berlin das E-Health-Projekt „SMARTGEM“ (Smartphone-gestützte Migränethrapie) zur besseren Versorgung von Migränepatienten. Die klinische Studie wird durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert, wobei auch verschiedene Krankenkassen sowie das Universitätsklinikum Halle und die Universitätsmedizin Rostock beteiligt sind. „Das Innovationsprojekt der gesetzlichen Krankenkassen läuft über drei Jahre“, erklärt Koerber. „Wir wollen untersuchen, inwieweit die neue Versorgungsform einer Smartphone-gestützten Migränetherapie zu einer Besserung der Migräneerkrankung beiträgt. Haben wir Erfolg, können wir damit den Wirksamkeitsnachweis für die Krankenkassen erbringen.“

Kopfschmerz kennt keine Grenzen

Migräne sei im Übrigen überall eine weit verbreitete Krankheit. „Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Migräne weltweit einer der häufigsten Gründe für eine Behinderung“, sagt Koerber. „Damit befindet sich Migräne an achter Stelle der am schwersten belastenden Krankheiten und auf dem ersten Platz unter den neurologischen Erkrankungen. Deshalb möchten wir auch geografisch expandieren. In Österreich und der Schweiz haben wir M-Sense schon 2017 gelauncht.“ Darüber hinaus gebe es natürlich zahlreiche Ideen für die Erweiterung der App, für neue erstattungsfähige Produkte und auch für ganz neue Apps in anderen Indikationen wie Epilepsie. An innovativen Ideen scheint es weder dem Team, noch dem CEO zu mangeln. Das beweist schon die Geschichte des Start-ups. „Die ersten Überlegungen zu einer digitalen Unterstützung für Migränekranke stellte Dr. Dahlem schon 2004 an. Damals gab es weder Apps noch Smartphones“, schmunzelt CEO Körber. „Erst nachdem er sich 2014 mit Stefan Greiner austauschte, der ihn mit den beiden anderen Gründern bekanntmachte, wurde das Projekt konkret.“ Und auch Gesundheitsökonom Koerber, Nachfolger von Greiner im Team, gehört eher zu den Querdenkern, denn eigentlich war er in der klassischen Pharmaindustrie angestellt. Doch als er erkannte, dass der hohe Standard in der Gesundheitsversorgung nicht gehalten werden könnte, wenn man die Digitalisierung nicht nutzen würde, packte ihn die Gründerlust. „Ich kündigte und ging nach Berlin. Dort lernte ich Markus Dahlem kennen und es passte alles“, erzählt er und ergänzt: „50 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung leiden unter Kopfschmerzen. Es gibt weit über hundert verschiedene Arten von Kopfschmerzen. Wir haben noch viel zu tun.“ (Andrea Przyklenk)

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