Wie ein Mittelständler bei der Generation Y punktet
Der Robotik- und Digitalisierungsspezialist Essert mit Sitz in Ubstadt-Weiher bei Bruchsal beschäftigt 80 Mitarbeiter mit einem Durchschnittsalter von knapp über 30 Jahren.

Wie ein Mittelständler bei der Generation Y punktet

Die Essert GmbH mit ihren Geschäftsbereichen Robotik und Digitalisierung ist auf junge Menschen der Generation Y besonders angewiesen. Obwohl Gründer und Geschäftsführer Christopher Essert ebenfalls ein Millenial ist, hadert er ab und an mit seinen Altersgenossen.

In einer Welt, die sich immer schneller verändert, sind Menschen Gold wert, die diesem Wandel und der Digitalisierung sehr offen gegenüberstehen und die in der Lage sind, vernetzt zu denken. Diese Attribute werden der Generation Y nachgesagt. „Gerade in unserer Branche rund um die Robotik gibt es immer wieder teils sehr krasse Kehrtwenden, bleibt kein Stein auf dem anderen. Das heißt, wir müssen stets in der Lage sein, uns flexibel anzupassen. Das gelingt uns nur mit den passenden Leuten“, unterstreicht Essert.

Im Wettbewerb mit den Großen

Geeignete Mitarbeiter zu finden, ist für das Unternehmen aber alles andere als einfach, denn die Messlatte liegt enorm hoch. „Wir haben zwar mit der Digitalisierung und Robotik zwei sehr moderne Betätigungsfelder, aber allein damit gewinnt man heute keine begehrten Fachkräfte“, weiß der Unternehmer und ergänzt: „Wir sind in einem Marktsegment tätig, in dem sich große Player tummeln, die in vielen Bereichen ihren Mitarbeitern weitaus mehr bieten können als wir.“ Daher hat man sich bei der Essert GmbH darauf konzentriert, den potenziellen Mitarbeitern Perspektiven für ihre eigene Entwicklung im Unternehmen konkret aufzuzeigen. „Bei uns kommen die Mitarbeiter rasch in die Verantwortung, genießen mehr Freiheit und können schneller Karriere machen als in einem Konzern. Das ist ein klares Plus im Kampf um Millenials.“

Ansprüchen gerecht werden

Selbst für einen jungen Unternehmer wie Essert mit seinen 30 Jahren ist es mitunter eine große Herausforderung, tagtäglich den Ansprüchen der Generation Y in einer sich schnell verändernden Welt gerecht zu werden. Gerade eine transparente Kommunikation, die von jungen Menschen heute eingefordert wird, sei „unendlich aufwändig“: „Alle zwei Wochen informiere ich die gesamte Belegschaft im Rahmen eines Meetings darüber, wo die Firma gerade steht, wo die Reise hingehen soll und wie sich die momentane Lage am Markt darstellt. Das ist wichtig, denn die Leute müssen sich abgeholt fühlen.“ Dieser Aufwand zahle sich aus, verhindere unter anderem sehr wirkungsvoll das Aufkommen von Buschfunk. Großen Wert legt der 30-Jährige zudem auf das Thema Unternehmenskultur. Dazu gehören neben einer Du-Kultur und einem offenen, respektvollen und ehrlichen Umgang miteinander auch flache Hierarchien. Die Firma ist von der Organisationsstruktur her wie ein Kreisdiagramm aufgestellt, in dem jeder, egal ob Chef oder Auszubildender, einen gleich wichtigen Part einnimmt. Außerdem muss der Geschäftsführer der digitalen Arbeitsweise der Generation Y gerecht werden. „Das fängt bei der Ausstattung am Arbeitsplatz an, geht über die technische Anbindung im Homeoffice und die Bereitstellung entsprechender Tools, zum Beispiel hochwertige Endgeräte. „Selbst mit einem modernen Geschäftswagen kann man heute noch bei vielen jungen Menschen punkten“, sagt Essert und fügt hinzu: „Das alles tut der Firma nicht wirklich weh und der Mitarbeiter fühlt sich in der Firma wohl und wertgeschätzt.“

An Grenzen gestoßen

In der gleichen Art und Weise wie die Generation Y vom Arbeitgeber gewisse Dinge einfordert, stellt auch Essert hohe Ansprüche an seine Belegschaft: „Manchmal ist es schon vorgekommen, dass Mitarbeiter zwar eine offene Kommunikation seitens der Geschäftsführer sehr schätzen, aber selbst mit einigen Sachen hinterm Berg halten, zum Beispiel, wenn sie unzufrieden sind. Da wird dann lieber der Arbeitsplatz gewechselt, statt über die Weiterentwicklung innerhalb des Unternehmens zu reden. Das finde ich sehr schade.“ Zudem kritisiert der Unternehmer bestehende unflexible gesetzliche Regelungen, die ein Miteinander mit Millenials in kleinen und mittleren Unternehmen erschweren. Speziell das Gesetz zur Elternzeit in seiner jetzigen Form ist dem Unternehmer ein Dorn im Auge: „Das Durchschnittsalter unserer Belegschaft liegt knapp über 30 Jahre. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele unserer Mitarbeiter Eltern werden, ist also relativ hoch. Das hat bei uns schon zu massiven Problemen geführt.“ Einmal hatten zwei von drei Softwareentwicklern fast zeitgleich Elternzeit beantragt und zwar wie es das Gesetz vorgibt, sechs Wochen vorher. Laut Essert ein viel zu kleines Zeitfenster, um einen adäquaten Ersatz zu finden, gerade in einer Branche, in der Programmierer ein rares Gut sind. Zudem müssten Arbeitgeber vom Gesetz her dem Antrag zustimmen, egal welche wirtschaftlichen Folgen die Abwesenheit des Antragstellers zur Folge habe. „Da bleibt das Thema Verantwortung übernehmen leider allzu schnell auf der Strecke“, ärgert sich der Unternehmer. Generell findet er Elternzeit zwar prima, wünscht sich aber flexiblere, auf KMU abgestimmte Lösungen.

Eigene Einstellung hinterfragt

Inzwischen hat auch bei Essert selbst ein Umdenken stattgefunden, was ihm im Zusammenhang mit seiner Arbeit wichtig ist. „Früher als ich noch in einem Konzern tätig war, habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Jetzt merke ich aber, dass der Anspruch, etwas Druck aus der Arbeit zu nehmen, gar nicht so verkehrt ist. Als Unternehmer ist die Work-Life-Balance jedoch immer so eine Sache. Es gibt Wochen, da ist sie nicht sehr ausgewogen, dafür versuche ich mir in anderen bewusst Auszeiten zu nehmen. Zudem bin ich einmal die Woche im Homeoffice.“

Fragt man Essert nach Tipps für andere Unternehmen, appelliert er an die eher traditionell aufgestellten Firmen, zumindest damit anzufangen, ihre Unternehmenskultur zu verändern. Eine Kultur des „Sich-Sporen-Verdienens“, der starren Hierarchien finde bei den Generationen Y und Z keinen Anklang mehr. Darüber hinaus müssten fernab der Stechuhr digitale Arbeitsweisen ermöglicht werden, inklusive der damit verbunden Freiheiten und Verantwortlichkeiten. Das bedürfe lediglich der Definition einer klaren Erwartungshaltung und von Zielen. „Letztlich ist ein Team innerhalb des Unternehmens entscheidend, das dieses Thema intern vorantreibt und in wichtigen Entscheidungen mit eingebunden ist“, so der Unternehmer abschließend. (-hf)

www.essert.com

 

Fotostrecke

© 2019 Dr. Breitsohl Verlagsgesellschaft mbH. Alle Rechte vorbehalten. www.familienunternehmer-news.de | Website: travix-media.de