Wenn der Chef ins Kloster geht
„Starke Führungskräfte können Schwäche zeigen“, sagt Bodo Janssen, Geschäftsführer der Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH & Co. KG.

Wenn der Chef ins Kloster geht

Was tun, wenn die Mitarbeiter einen anderen Chef haben wollen – das Unternehmen verlassen? Weiter wie bisher oder über die eigene Person reflektieren und den Neustart wagen? Bodo Janssen, Geschäftsführer von Upstalsboom, hat sein Führungsverständnis überdacht und einen neuen Weg beschritten.

Upstalsboom betreibt Hotels und Ferienwohnungen an Ost- und Nordseesowie in Berlin. Als Janssen 2005 ins elterliche Unternehmen eintrat, befand es sich nach einer Insolvenz im Jahr 2001 noch immer in der Talsohle. „Ich baute das Unternehmen nach den Regeln der Betriebswirtschaft wieder auf und schuf neue Strukturen“, erzählt Janssen. „2010 machte sich eine Delle bemerkbar, die Umsätze stagnierten, es ging irgendwie nicht weiter. Zudem kündigten Mitarbeiter und es gelang uns auch nicht, neue Arbeitskräfte zu gewinnen. Deshalb führten wir eine Mitarbeiterbefragung durch, in der wir unter anderem fragten: Was braucht ihr, um besser arbeiten zu können?“

Wir brauchen einen anderen Chef

Das Ergebnis der Befragung war niederschmetternd, vor allem für Janssen selbst. Eine Forderung lautete: „Wir brauchen einen anderen Chef als Bodo Janssen.“ Die Erkenntnis, dass ihn die Mitarbeiter für einen schlechten Chef hielten, war sehr schmerzhaft und auch ernüchternd. „Ich fühlte mich anfangs wie gelähmt, in einem Vakuum“, sagt er im Rückblick. „Ich konnte nicht einfach gehen und das Unternehmen an meinen Vater zurückgeben, denn der war 2007 bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen. Natürlich, ich hätte die Ergebnisse der Befragung unter den Teppich kehren können. Das hatten wir ein paar Jahre zuvor schon einmal gemacht. Die Mitarbeiter hatten das in unguter Erinnerung behalten. Schließlich entschied ich mich, die Ergebnisse unzensiert und ohne sie schön zu reden, den Mitarbeitern zugänglich zu machen.“

Die Reaktionen auf diesen Schritt waren unterschiedlich. In manchen Hotels zeigten die Mitarbeiter Betroffenheit, in anderen, in denen die Führungskräfte versuchten, die Schuld woanders zu suchen, kam es zu tumultartigen Szenen. „Für mich ging es darum, Lösungen für die Missstände zu finden, die ich offensichtlich selbst verursacht hatte“, sagt Janssen. „Tatsächlich fanden wir auch Lösungen für alles, was mit Geld zu tun hatte, doch das Führungsproblem war mit Geld nicht lösbar.“

Unternehmen sind für Menschen da

Letztlich half dem Upstalsboom-Chef der Zufall. Er begegnete Pater Anselm Grün. Eineinhalb Jahre lang ging er regelmäßig in das Benediktiner-Kloster, um von Pater Grün und dem „Team Benedikt“ zu lernen und neue Sichtweisen zu verstehen. Parallel dazu befasste er sich mit den Erkenntnissen der positiven Psychologie und Neurobiologie. „Nach und nach verstand ich, dass ich Mitarbeiter und Kunden als Mittel zum Zweck betrachtet hatte. Ich hatte sie instrumentalisiert, um den Unternehmenserfolg zu erreichen“, erzählt Janssen. „Dabei muss es umgekehrt sein. Mein Auftrag als Unternehmer ist es, dafür zu sorgen, dass alle – Mitarbeiter und Kunden – ein gutes Leben führen und sich entwickeln können.“

Aus dieser Erkenntnis heraus entstand über die Jahre der „Upstalsboom Weg“. Er ist zum Synonym für eine Unternehmenskultur geworden, die auf Werten basiert, die Führung und Mitarbeitern am Herzen liegen. Dabei spielt das Thema Freiheit eine zentrale Rolle. „Wir möchten, dass jeder bei seiner Arbeit die Freiheit hat, sich persönlich weiterzuentwickeln und sich für das einzusetzen, was ihm wichtig ist. Das bedeutet auch, unsere gewohnten Abläufe und Denkweisen zu hinterfragen. Dies geht nicht immer, ohne die persönliche Komfortzone zu verlassen und Risiken einzugehen“, erklärt Janssen und fasst zusammen: „Unser Auftrag ist es, Menschen zu stärken. Darauf basiert unsere menschen- und sinnorientierte Kultur, die wir mit unseren Gästen teilen, auch in speziellen Seminaren und Veranstaltungen. Die Menschen, die zu uns kommen, machen Urlaub. In dem Wort steckt schon der Anspruch, sich etwas Besonderes zu erlauben. Dabei unterstützen wir sie. Wir geben ihnen die Freiheit, das zu leben, was ihnen wichtig ist.“

Tägliche Reflexion

Janssen ist bewusst, dass er täglich in alte Verhaltensmuster zurückzufallen droht. Er sagt: „Oft nimmt man gar nicht wahr, wie man sich verhält und welche Konsequenzen das eigene Verhalten für andere hat. Deshalb muss man ständig reflektieren, sich immer wieder von außen betrachten und sich fragen, wie das eigene Verhalten auf andere wirkt.“ Dabei gehe es auch um Kleinigkeiten. Er erzählt von Gesprächen mit Mitarbeitern, in denen man sich zum Beispiel gemeinsam überlegt, welche Verben positiv auf die Stimmung wirken. „Worte wie ermutigen, anerkennen, lieben, schenken, trösten, sich engagieren wirken auf unsere Stimmung und auf unser Verhalten“, betont Janssen.

Für Führungskräfte sollte es laut Janssen um Menschlichkeit gehen, nicht um Profilierung. „Heute sind für mich die stärksten Führungskräfte diejenigen, die Schwäche zeigen und Fehler zugeben können. Erst dann trauen sich die anderen, selbst Fehler und Schwäche zu zeigen. Seit ich offenbart habe, dass ich Fehler gemacht habe, dass ich keine Ausbildung und kein Studium habe, bin ich für die Mitarbeiter vom Geschäftsführer zum Menschen geworden“, sagt Janssen.

Dem Unternehmen tut der neue Weg gut. Das Wachstum wird 2018 voraussichtlich 50 Prozent betragen. Die Zufriedenheit der über 600 Mitarbeiter liegt bei über 80 Prozent. Die durchschnittliche Krankheitsquote liegt mit drei Prozent weit unter dem Branchendurchschnitt. Die Weiterempfehlungsrate der Gäste beträgt 98 Prozent. Die Bewerberzahlen liegen im dreistelligen Bereich, nicht zuletzt wegen der gemeinsamen Aktionen. Die Auszubildenden begeben sich mit Bodo Janssen auf eine „Tour des Lebens“, einmal ging es auf den Kilimandscharo, in diesem Jahr an den Polarkreis. „Wir möchten unseren Auszubildenden zeigen, wozu sie in der Lage sind und ihnen Mut machen“, so Janssen. In Ruanda unterstützen die Upstalsboomer den Bau von Schulen, nicht nur mit Geld, sondern auch persönlich. Über 40 Mitarbeiter waren bereits dort. „Wirtschaftlichkeit ist die Basis unserer Existenz, aber nicht der Sinn unseres Handelns. Wir möchten unseren Mitarbeitern jeden Tag die Möglichkeit bieten zu wachsen. Der wirtschaftliche Erfolg kommt von selbst.“

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