Biogas-Rucksack: ein Geschäft für Mensch und Umwelt
Der volle Biogas-Rucksack wiegt nur etwa vier Kilogramm und enthält etwa den Tagesbedarf an Energie für eine Familie. Alle Fotos: Siemens-Stiftung/Universität Hohenheim

Biogas-Rucksack: ein Geschäft für Mensch und Umwelt

Während ihres Studiums hat Katrin Pütz Biogas kennengelernt und als eine gute Technologie für Entwicklungsländer erkannt. Allerdings konnte der Ansatz von Entwicklungshilfeorganisationen die Wissenschaftlerin nicht überzeugen. „Die Biogasprogramme sind hoch subventioniert, sehr teuer und ineffizient“, sagt sie. „Außerdem werden die Programme nie selbstständig laufen können und nur wenige Haushalte erreichen.“ In Äthiopien hat Pütz deshalb das Social Business (B)energy gegründet und arbeitet daran, aus abhängigen Subventionsempfängern eigenständige Geschäftsleute zu machen.

Energie aus dem Rucksack

Pütz entwickelte den Biogas-Rucksack, mit dem das Biogas in die einzelnen Haushalte transportiert werden kann, am Institut für Agrartechnik in Hohenheim. Er ist ein Ballon aus flexiblem, gasdichtem Material, das den sicheren Transport des Biogases gewährleistet. Befüllt wiegt er etwa vier Kilo, besteht aus mehreren Schichten Kunststoff, einem Ventil und Trageriemen. Der Rucksack fasst etwa einen Kubikmeter Gas, was in etwa dem Tagesbedarf einer Familie entspricht. Die Menschen laufen mit ihm zu einer Biogasanlage und zapfen dort ihre Energie. Zuhause deponieren sie ihn vor der Hütte und drücken je nach Bedarf das Gas heraus.

Diese Lösung kann die Lebensbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern grundlegend verbessern, indem sie Haushalten in ländlichen Gebieten eine erschwingliche Energiequelle bereitstellt. Mit dem Biogas können Öfen oder Lampen betrieben werden, was sich unmittelbar positiv auf die Lebensbedingungen und die Gesundheit der Menschen auswirkt. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern sind Holz- oder Holzkohle immer noch der Brennstoff Nummer eins – zulasten der Umwelt und der Gesundheit. Nicht nur, dass es rund um die Ortschaften oftmals keine Bewachsung mehr gibt, auch die Abgase sind eine Belastung. Das Kochen mit fossilen Brennstoffen in geschlossenen Räumen hat zudem unmittelbare gesundheitliche Folgen: Die so genannte „Indoor Air Pollution“ (IAP) ist die häufigste Todesursache in Afrika.

Eine eigene Existenz für viele

Jetzt hat Pütz zusammen mit ihrer äthiopische Business-Partnerin Yodit Balcha in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba das Start-up-Unternehmen „(B)energy“ gegründet. Pütz hält große Stücke auf ihre Partnerin: „Yodit leistet einen ganz wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Geschäftsidee in Äthiopien. Ohne sie wäre es für mich als Ausländerin nicht möglich gewesen, unter den herrschenden Bedingungen eine Firma zu gründen.“ Die beiden Neu-Unternehmerinnen möchten ihr Unternehmen als Social Business verstanden wissen. Es sei nicht auf Gewinnmaximierung ausgelegt, sondern solle dabei helfen, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und ihnen den Aufbau einer selbstständigen Existenz ermöglichen. „Wir bringen ein Produkt auf den afrikanischen Markt, das ein ernsthaftes Problem lösen kann, und schaffen Verdienstmöglichkeiten für die Einheimischen. Niemand muss so das Gefühl haben, auf Hilfe von außen angewiesen zu sein.“

Geplant ist, die Technologie in vielen kleinen Zweigstellen im ganzen Land für die Menschen zugänglich zu machen. Die Kunden von „(B)energy“ werden Betreiber von Biogasanlagen und so selbst zu Unternehmern mit Kunden, die Gas im Biogas-Rucksack bei Ihnen kaufen. Mit Mikrofinanzierungen sollen Kleinbauern, die sich den Rucksack nicht auf Anhieb leisten können, die Möglichkeit erhalten, ihn nach und nach abzubezahlen. „Wenn die Menschen mit dem Biogas Geld verdienen, erhöht sich ihre Kaufkraft und sie brauchen keine Entwicklungshilfe“, sagt Pütz.

Große Nachfrage

Über mangelnde Nachfrage können sich Pütz und Balcha nicht beklagen. Mittlerweile ist der Rucksack schon in Äthiopien, der Demokratischen Republik Kongo, in Kenia und Tansania im Einsatz. „Bisher war in jedem Land die Nachfrage größer als wir sie bedienen konnten“, sagt Pütz. „Ab Juli werden wir eine Verkaufsinfrastruktur aufbauen, von der auch ausländische Firmen profitieren können. „(B)ranching out“ nennen sie ihr neues Konzept, das Produzenten von neuen Technologien den Markteintritt in Afrika erleichtern soll – „(B)energy“ vermarktet über die eigenen „branch offices“ jeweils ein zusätzliches Produkt gegen eine Servicegebühr.

In Deutschland wurde die Forscherin mit ihrem Biogas-Rucksack beim „empowering people. Award“ der Siemens-Stiftung ausgezeichnet. Die 5.000 Euro Preisgeld hat Pütz ebenfalls in das Unternehmen gesteckt. Sie helfen dabei, den Transport von alten Nähmaschinen von Deutschland nach Addis Abeba zu bezahlen, auf denen die Rucksäcke genäht werden.

www.be-nrg.com
 

Tipp: Chancen und Risiken für deutsche Unternehmen in Afrika sind das Titelthema der Aprilausgabe des Unternehmermagazins "Die News". Familienunternehmen, die sich dort bereits engagieren, berichten von ihren Erfahrungen.

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