Unternehmensstiftungen sorgen für Kontinuität
Dr. Helmut Schelling ist Mitgründer der Vector Informatik GmbH in Stuttgart. Das Unternehmen ist Entwicklungspartner der Automobil- und Zulieferindustrie für Fahrzeugelektronik. An 26 Standorten weltweit werden Werkzeuge, Softwarekomponenten und Dienstleistungen für moderne Mobilität entwickelt, zum Beispiel für Elektromobilität, Safety und Security, ADAS und autonomes Fahren.

Unternehmensstiftungen sorgen für Kontinuität

Die drei Gründer der Vector Informatik GmbH haben ihr Unternehmen gemeinsam mit dem vierten Gesellschafter 2011 in eine Doppelstiftung überführt. Dr. Helmut Schelling erzählt im Gespräch, wie es dazu kam, was die Stiftung macht und was Unternehmer beachten sollten, damit das Vorhaben Stiftung gelingt.

Schelling sowie seine Mitgründer Eberhard Hinderer und Martin Litschel, alle Jahrgang 1953, sowie Gesellschafter Dr. Thomas Beck bemerkten 2007/2008, dass sich die Mitarbeiter Gedanken darüber machten, wie es mit dem Unternehmen weitergehen sollte, wenn die drei Gründer in den Ruhestand gehen würden. „Sie wollten wissen, wer nach uns kommen würde“, so Schelling. „Kontinuität ist auch für unsere Kunden, die hauptsächlich aus der Automobilindustrie kommen, sehr wichtig. Wir begannen, uns Gedanken zu machen und gründeten schließlich 2011 eine gemeinnützige und eine Familienstiftung, eine so genannte Doppelstiftung.“

Gutes tun und die Familie versorgen

Die Familienstiftung hält 40 Prozent der Gesellschaftsanteile am Unternehmen, aber 94 Prozent der Stimmrechte. Die gemeinnützige Stiftung, die 60 Prozent der Gesellschaftsanteile hält, verfügt lediglich über sechs Prozent der Stimmrechte. Die drei Gründer sitzen zusammen mit Beck, dem aktuellen, zehn Jahre jüngeren Geschäftsführer der Firma, im Stiftungsrat der Familienstiftung und können so die Geschicke der Firma weiterhin mitbestimmen. „Das ist auch der Grund, weshalb wir noch Büros in der Firma haben, obwohl wir uns im März 2014 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen haben. Man braucht zumindest einen groben Überblick über das, was im Unternehmen passiert, um in der Gesellschafterversammlung die richtigen Entscheidungen zu treffen“, erklärt Schelling und schmunzelt: „Die Stiftung ist mein Hobby fürs Alter.“ Durch die Umwandlung in eine Stiftung habe man die Firma „praktisch unverkäuflich gemacht“, ihr Bestehen auf Dauer gesichert und der Zersplitterung der Gesellschaftsanteile durch eine wachsende Anzahl von Gesellschaftern vorgebeugt. Außerdem blieben Betriebsklima und Kultur, die Art und Weise, wie man miteinander umgehe, erhalten. Während die Familienstiftung der Versorgung der Familien dient, möchten die drei Gründer als Stifter mit der gemeinnützigen Vector-Stiftung der Gesellschaft etwas zurückgeben. „Am Erfolg unseres Unternehmens haben viele mitgewirkt. Deshalb sollen auch viele daran teilhaben“, ist ihr Leitgedanke.

Mathe kann ich doch!

Die Stiftung konzentriert sich auf die Förderbereiche Forschung, Bildung und Soziales. „Wir möchten dazu beitragen, dass Baden-Württemberg technologisch führend bleibt. Das wird nur gelingen, wenn wir gut ausgebildete Naturwissenschaftler und Ingenieure haben, doch die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sind nicht allzu beliebt“, so Schelling. Die Stiftung fördert deshalb Forschungsprojekte im Bereich MINT sowie Klima- und Umweltschutz. Außerdem unterstützt die Stiftung MINT-Projekte an Schulen und in der Lehrerausbildung. Angehende Lehrer werden mit Stipendien gefördert, es wurden zwei Stiftungsprofessuren für Didaktik in den Naturwissenschaften eingerichtet. „Wir unterstützten auch Programme in Schulen, zum Beispiel ‚MKid - Mathe kann ich doch!‘ für Sechstklässler, denn Mathematik und die anderen MINT-Fächer müssen Kindern und Jugendlichen Spaß machen und daran haben die Lehrenden entscheidenden Anteil“, ist Schelling überzeugt. Dafür kooperiert die Stiftung mit den Universitäten Karlsruhe, Stuttgart, Tübingen und verschiedenen pädagogischen Hochschulen. Neben der MINT-Bildungsförderung setzt sich die Stiftung dafür ein, Kindern unabhängig von ihrer Herkunft gute Bildungschancen zu ermöglichen. Gefördert werden Projekte, die sozial benachteiligte Kinder dabei unterstützen, ihre Potenziale zu erkennen und Kompetenzen auszubauen. Im sozialen Bereich konzentriert sich die Stiftung auf die Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit und Wohnungslosigkeit in der Region Stuttgart.

Stiftungsgründung ist ein Projekt

Schelling warnt davor, eine Stiftungsgründung zu unterschätzen: „Wenn die Firma unter Volldampf läuft, hat man meistens keine Zeit, doch der Gründungsprozess einer Stiftung ist langwierig.“ Deshalb rät er Stiftern, die Gründung als Projekt einzuplanen, sich gute Berater zu suchen und vor allem Kontakt zu anderen Stiftungen und Netzwerken aufzunehmen. „Eine Stiftung ist keine GmbH und sie steht auch nicht im Wettbewerb zu anderen Stiftungen.“, sagt Schelling und empfiehlt Unternehmern: „Profitieren Sie von der Erfahrung anderer Stiftungen und Stifter, besuchen Sie Veranstaltungen von Stiftungsverbänden und Beratern oder den alljährlichen Stiftungstag.“ Am allerwichtigsten sei es jedoch rechtzeitig vor der Stiftungsgründung mit der Familie zu sprechen: „Ich und meine Mitgründer haben alle Kinder in unterschiedlichen Altersstufen und mit verschiedenen Erwartungen. Bei einer Stiftungsgründung ist es wichtig, dass die Familie einverstanden ist und weiß, welche Rolle sie künftig übernehmen wird.“ Eine Stiftung schließe nicht aus, dass Kinder in der Firma später eine führende Position einnehmen könnten, sagt Schelling, andererseits könne man durch die Gründung einer Stiftung den Druck der Nachfolge von den Kindern nehmen.

Es gehört einem nichts mehr

Mit dieser Tatsache müsse man sich vor der Stiftungsgründung vertraut machen, betont Schelling. Natürlich werde die Familie über die Stiftung versorgt, aber die Firma gehöre der Familie nicht mehr. Gesellschafter seien die Stiftungen. Und auch das Geld, mit dem man die Stiftung gegründet habe, eigenes und Ausschüttungen aus der GmbH, sei weg. „Man hat 20 oder 30 Jahre gearbeitet, um das Unternehmen aufzubauen und gibt alles her“, sagt Schelling. „Wenn man so will, hat man zwar über die Familienstiftung noch die Macht, aber es gehört einem nichts mehr und man kommt auch nicht mehr raus.“ Solange es dem Unternehmen gut gehe, gehe es auch den Stiftungen und damit der Familie gut. Deshalb sei es wichtig, dass die Stiftung eine Rücklage bilde, „ein Sparkässle für Durststrecken“ und die Familienstiftung die richtigen Entscheidungen für das Unternehmen treffe. „Die Familienstiftung mit ihrem 94-prozentigen Stimmrecht trägt in unserem Fall die Verantwortung für das Wohlergehen von weltweit 2.700 Mitarbeitern mit ihren Familien. (Andrea Przyklenk)

Tipp: In der Septemberausgabe des Familienunternehmermagazins Die News finden Sie weitere Informationen und Beispiele zum Thema unternehmensverbundene Stiftungen.

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