Warum Designer keine Optimierer sein sollten
Jürgen R. Schmid ist einer der renommiertesten Designer Deutschlands. Mit seinem Unternehmen Design Tech hat er über 180 Auszeichnungen erhalten, darunter den Deutschen Industriepreis, den German Brand Award, unzählige Male den „red dot award“, den „iF Gold Award“, „TOP100“ und den Designpreis Deutschland. (Foto: Design Tech)

Warum Designer keine Optimierer sein sollten

Jürgen R. Schmid ist einer der renommiertesten Industriedesigner Deutschlands. Er sprach mit Andrea Przyklenk über sein Verständnis von Design, die Ansprüche an sich selbst und seine Vision der Zukunft.

Design besteht für Schmid keinesfalls nur in der Formgebung, in der Modellierung einer ansprechenden Hülle. Er versteht Design als eine Denkweise. Gutes Design sei echte Innovation. Die Kunst des Designers bestehe darin, herauszufinden, worin der Mehrwert des Designs für den Hersteller, den Kunden und bestenfalls die Umwelt bestehe. „Ich habe über die Jahre festgestellt, dass ich nützliche Chancen dann am besten erfasse, wenn ich alle relevanten Bereiche einbeziehe, beobachte und durchleuchte: Angefangen von der Herstellbarkeit, den Kosten, der Montage, den Anwendern und den Belangen der Verkäufer bis hin zum Service und zur Technologie“, sagt Schmid.

Wer hat ihn  erfunden?

Mit dieser Methode gelang es seiner Firma Design Tech, einen ihrer größten Erfolge zu landen: den Mini-Akkuschrauber der Firma Metabo. Zuerst vom Management mit Skepsis betrachtet, wurde er in kürzester Zeit zum Verkaufsschlager. Die anfängliche Erwartung von 20.000 verkauften Produkten pro Jahr wurde bereits im ersten Jahr um 700 Prozent übertroffen. Für Schmid war das eine Bestätigung seiner Strategie: „Ich starte erst, wenn ich das Thema zutiefst verstehe, deshalb betrachte ich nicht nur das Unternehmen genau, sondern auch die Märkte, die Wettbewerber, den  Anwender und vieles mehr. Nur so finde ich den größten Hebel für den Erfolg. Im Falle des Akkuschraubers bevorzugten 80 Prozent der Nutzer kleine handliche Werkzeuge. Der Nutzen aus dieser Erkenntnis war immens.  Der Mini-Akkuschrauber hat eine hohe Akzeptanz bei den Kunden und wurde ein Verkaufsschlager. Durch den geringen Verbrauch von Material und Ressourcen ist der Mini-Akkuschrauber umweltfreundlich.  Das Unternehmen, die gesamte Branche der Elektrowerkzeuge und die Anwender profitierten in jeder Hinsicht.“

Schmid und sein Team liefern nicht immer das, was der Kunde sich vorstellt, aber letztlich das, was ihm nützt. „Ein Kunde wollte neue Farben für seine Maschinen. In Deutschland sind die Maschinen  oft blau und hellgrau“, erzählt Schmid. „Wir schlugen dem Kunden vor, als Weltmarktführer einen Anti-Trend zu setzen und seine Maschinen in nur einer Farbe zu lackieren. Das erforderte Mut, doch die Geschäftsführung folgte unserem Vorschlag.“ Letztlich sparte das  Unternehmen einen Millionenbetrag, weil die Lackierung in einer Farbe wesentlich günstiger ist.

Die Firma umkrempeln

„Wir klappen nicht nur den Farbfächer auf, sondern überlegen uns ganz genau, wo bei jedem Projekt der Mehrwert liegt“, betont der Designer. „Deshalb ist es uns auch so wichtig, ein Innovationsprojekt von der Stunde null an zu begleiten, nicht erst bei der Entwicklung, denn die ist letztlich nur die Umsetzung der Prozesse, die vorher stattfinden.“ Manchmal bedeute Design, eine ganze Firma umzukrempeln, damit das Unternehmen auf eine neue Ebene komme. „Bei einem unserer Kunden führte ein neues Design dazu, dass seine Montage nach einiger Zeit aussah wie eine Ausstellungshalle“, erinnert sich Schmid. „Das Design wertete nicht nur die Produkte auf, sondern machte die Mitarbeiter stolz, ließ sie ihre Arbeit sorgfältiger erledigen und führte letztlich zu einer höheren Qualität von Produkten und Prozessen.“

Er wolle seinen Kunden neue Denkwelten eröffnen, so Schmids Anspruch an sich selbst und sein Team. Im Gegenzug erwarte er auch etwas von den Unternehmen: Kommunikation und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. „Das muss passen“, betont er. Wie man neu denkt, ist für Schmid keine Frage. Für ihn ist klar, dass das jeder kann. Man müsse eben den Mut haben, auch große interne Widerstände zu überwinden. „Neu zu denken hat nichts mit der Unternehmensgröße zu tun. Ich habe schon erlebt, dass 30 Mitarbeiter in Rekordzeit vom Trab zum Sprint übergegangen sind. Man muss nur die richtigen Fragen stellen und an den richtigen Schrauben drehen“, betont Schmid, der mit seinen Workshops und deren Methodik Systematik in den Innovationsprozess bringt.

Produkte aufhübschen können viele

Für Unternehmer, die nach dem passenden Designer suchen, hat Schmid zwei Empfehlungen: „Fragen Sie sich, welchem Designer Sie zutrauen, Ihr Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. Wenn Sie einen in Betracht ziehen, fragen Sie sich, ob Sie mit der Person klarkommen.“ Darüber hinaus müsse man sich darüber im Klaren sein, dass man eine Person mit mehr Durchsetzungsfähigkeit und Erfahrung brauche, je höher die Erwartungen seien. „Ein Produkt aufhübschen können viele, Erfolg bringt das selten“, so Schmid. „Wenn der Designer den Mehrwert nicht im Fokus hat, ist er in jedem Fall zu teuer. Wir konnten zum Beispiel einen Kunden überzeugen, in das Design eines neuen Werkzeugs zu investieren. Heraus kamen viele Vorteile für den Anwender und mehrere Patente für das Unternehmen. Manchmal arbeiten wir auch erfolgsabhängig. Wir schleichen uns nicht aus der Verantwortung für die Umsetzung.“ Den Mehrwert zu finden, sei wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, allerdings „brauchen wir mit unserer Systematik nicht so lange für die Suche wie andere“, schmunzelt Schmid und betont: „Der Mehrwert ist immer individuell. Manchmal liegt er in der veränderten Wahrnehmung des Unternehmens durch seine Kunden.“

Das Gewohnte neu denken

Die Firma Hoerbiger ist Spezialist für Hydraulik und Pneumatik und stets daran interessiert, neue Märkte aufzutun. Zusammen mit Design Tech wurde der Xetto entwickelt, laut Schmid „ein geniales Produkt“. Damit erschließt sich das Unternehmen Handwerker und alle anderen, die schwere Lasten zu transportieren haben, als Kunden. Der Name Xetto stammt übrigens von „Namenspapst“ Manfred Gotta, der auch Namen wie Smart und Evonik erfand. Für das Vermarktungskonzept zeichnet  Wolf Hirschmann von Slogan verantwortlich.

Das Herzstück der mobilen Transporthilfe ist eine hydraulische Hebevorrichtung für Lasten, die es einer einzelnen Person ermöglicht, Lasten mit einem Gewicht von bis zu 250 Kilogramm zu transportieren. Die Steuerung aller Funktionen erfolgt komplett elektronisch. Güter können so einfach und effizient befördert werden. Mehr noch: Sie lassen sich auch gesundheitsschonend und kräftesparend bis auf Arbeitshöhe anheben. Drei Jahre lang wurde am Xetto gearbeitet. „Zunächst war das Gerät zu schwer und zu teuer. In gegenseitigem Austausch und Beratung haben wir schließlich ein attraktives Gerät geschaffen, das für den Anwender denkbar einfach zu bedienen ist und nicht nur für mehr Schnelligkeit in der gesamten Prozesskette der Warenwirtschaft sorgt, sondern auch durch ergonomische Vorteile glänzt“, fasst Schmid zusammen. Das Team von Design Tech trieb die Innovationsentwicklung maßgeblich voran, erstellte Markt- sowie Wettbewerbsanalysen, prüfte die Usability, erstellte Konzept- sowie Ergonomiestudien und das Industrial Design. So visualisiert die Gestaltung beispielsweise über farbliche Akzentuierungen die einfache Bedienung des Hightech-Geräts. Xetto wurde übrigens nicht nur mit dem ‚iF Design Award in Gold‘ ausgezeichnet, sondern auch mit dem ‚red dot Best of the Best Award‘ für Produkt Design in der Kategorie Industriegeräte, Maschinen und Automation.

Der Designer ist überzeugt, dass es nicht ausreicht, auf das aufzusetzen, was der Kunde vorgibt: „Das machen zwar 29 von 30 Designern so, aber dadurch kommt das Unternehmen nicht weiter. Damit wird nur zu Tode optimiert. Unser Anspruch ist es, die wachsende technische Komplexität nicht beim  Anwender ankommen zu lassen, sondern es ihm möglichst einfach zu machen.“

Werkzeug der Zukunft

Im Maschinenbau wird viel von Industrie 4.0 und Digitalisierung gesprochen und so mancher Mittelständler hält sich zugute, dass für ihn Industrie 4.0 „ein alter Hut“ sei. Die Überlegungen, die sich Jürgen R. Schmid und rund 30 Industrievertreter zum „Werkzeug der Zukunft“ gemacht haben, werden so manchen altgedienten Maschinenbauer erbleichen lassen. Die fertigende Industrie wie wir sie kennen wird nämlich nach diesem Szenario bald Geschichte sein. Es wird Produktionslandschaften geben, in denen hochflexibel und selbst organisiert mit Hilfe von Drohnen gefertigt wird. Die Individualisierung, ob eine Maschine fräst, schweißt oder lasert, wird ausschließlich über Software und die Schnittstelle zum Werkzeug bestimmt.

Auf einem Shuttle fahren die Werkstücke durch den Raum und werden von Drohnen, die mit unterschiedlichen Werkzeugen bestückt sind, bearbeitet. Das Shuttle ist gleichzeitig Energielieferant, nimmt Abfälle auf, zum Beispiel Späne, und hält Material für den 3D-Druck bereit. Das ganze Szenario wird Auswirkungen auf den Ressourceneinsatz, die Logistik und sogar die Gewerbeimmobilien haben.

Wer wissen möchte, wie diese Zukunftsvision aussieht: Auf Youtube gibt es eine Animation. https://www.youtube.com/watch?v=fS_ZLPcnreM

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