Wie aus Plastikflaschen Dachbahnen werden
PET-Flaschen zerfallen erst nach 450 Jahren. Freudenberg recycelt pro Jahr 2,5 Milliarden PET-Flaschen. Das Unternehmen stellt daraus unter anderem Vliesstoffe für wasserdichte Dächer, Wärmedämmungen, Möbelpolster und Geotextilien her.

Wie aus Plastikflaschen Dachbahnen werden

Plastikflaschen haben nicht das beste Image. Freudenberg tut etwas dagegen. In den europäischen Werken des Unternehmens werden pro Tag rund sieben Millionen PET-Flaschen recycelt. Aus dem wiedergewonnen Polyester entstehen unter anderem Vliesstoffe zur Dachabdichtung.

Sammeln für die Wiederverwertung

Die Deutschen geben ihre PET-Flaschen am Automaten im Supermarkt ebenso zurück wie Glasflaschen. Beeindruckende 93,5 Prozent der gesammelten PET-Flaschen in Deutschland – Einweg- wie Mehrwegverpackungen – werden wiederverwertet und zu neuen Plastikflaschen, Folien oder Textilfasern verarbeitet. Das Recycling entlastet die Umwelt, spart natürliche Ressourcen und Energie.

Leider ist die Flaschenrückgabe nicht überall so selbstverständlich wie in Deutschland: Weltweit haben weniger als die Hälfte aller PET-Flaschen ein Zweitleben. Oft landen sie als Abfall auf Müllkippen oder im Meer – und überdauern dort. Eine PET-Flasche zerfällt erst nach 450 Jahren. Die Flaschen vermengen sich im Wasser mit anderem Kunststoff – Trinkbechern, Besteck, Zahnbürsten oder Kosmetiktuben – zu riesigen Müllstrudeln. Seevögel und Meeresschildkröten halten die Plastikteile für Nahrung und verschlucken sie. Der angeschwemmte Abfall vermüllt Inseln und Strände.

15 Mal um die Erde

Dabei lassen sich Kunststoffflaschen sinnvoll wiederverwerten. Freudenberg Performance Materials (FPM) recycelt in seinen Werken im norditalienischen Novedrate, im süditalienischen Pisticci und im französischen Colmar pro Jahr rund 2,5 Milliarden PET-Flaschen. Alle aneinandergelegt, würden diese 15 Mal um die Erde reichen. Mit dem Bau der Anlagen wurde FPM zum Recycling-Pionier.

„Wir sind froh über jede PET-Flasche, die bei uns landet, statt das Meer zu verschmutzen“, sagt Hans-Jürgen Berenbruch, Recycling-Manager bei FPM Novedrate. Aus den Plastikflaschen stellt das Unternehmen unter anderem Vliesstoffe für wasserdichte Dächer, Wärmedämmungen, Möbelpolster und Geotextilien her. Die produzierten Materialien bestehen zu 100 Prozent aus recyceltem PET in gleicher Qualität wie Neuware.

Wertvolle Kunststoffkrümel

Jeden Tag wandelt das Recyclingwerk in Novedrate  rund drei Millionen PET-Flaschen aus Sortieranlagen in ganz Europa in Polyester-Vliesstoffe um. Laster liefern die Flaschen als je 400 bis 600 Kilo schwere, drahtverschnürte Ballen an. Zuerst werden an den Recycling-Bändern alle Fremdstoffe von Detektoren aussortiert wie Deckel, Etiketten, PVC oder Gummi. Dann wäscht die Anlage die Flaschen und zerkleinert sie zu sogenannten „Flakes“, winzigen Kunststoffkrümeln. Diese werden geschmolzen und zu Fasern extrudiert. In einem mehrstufigen integrierten Zyklus entsteht daraus ein vielseitig einsetzbarer, einfach zu verarbeitender Polyester-Vliesstoff, der in einer Vielzahl von verschiedenen Anwendungen benutzt werden kann, zum Beispiel in Kleidung- und Haushaltsmarktsegmenten.

In der Bauindustrie verwenden wir ihn vor allem als Trägermaterial, das wir dann an unsere Kunden weiterverkaufen, um wasserdichte Bitumenmembranen für Dächer herzustellen“, sagt Lucio Pasini, Leiter Business Development und Strategisches Marketing bei FPM Construction Division. Das Vliesstoffträgermaterial nutzt Glasfaserfilamente, um den Vlies in Längsrichtung zu verstärken: Dadurch sind die Dachbahnen dehnfähig und stabil zugleich und halten selbst extremer Hitze stand. Das ist wichtig, da das Material im Freien hohen Temperaturschwankungen ausgesetzt ist.

Das Gedächtnis der Dachbahn

Die Kombination  der Flexibilität von Polyester und der Stabilität von Glas ermöglicht eine hervorragende Lauffähigkeit, insbesondere bei hohen Temperaturen und beim Einsatz auf Hochgeschwindigkeits-Bitumenproduktionsstraßen. Darüber hinaus verleiht es der Bitumenmembran eine hervorragende langfristige Dimensionsstabilität und Beständigkeit. Die Verwendung von Glasverstärkungen eliminiert auch das Phänomen des thermischen Gedächtnisses: Einmal auf Dächern aufgebracht, unterliegt die Membran keinem Schwund durch Temperaturschwankungen.

Die Bitumendachbahnen halten im Durchschnitt mehr als 20 Jahre. Anschließend werden beschädigte Dächer vollständig erneuert oder der Schadenspunkt repariert. Dies stellt einen wichtigen Vorteil dieser Technologie gegenüber anderen Abdichtungssystemen dar, insbesondere bei Instandhaltungsarbeiten. Abfälle von Bitumendachbahnen können von den Herstellern recycelt werden, indem die Bitumendachbahn zu Pulver gemahlen wird. Dieses kann als Rohstoff verwendet werden, was die Nachhaltigkeit des Produkts weiter verbessert.

Weniger Abfall, Wasser und CO2

Mit der Wiederverwertung von PET-Flaschen als Vliesstoff für Dachbahnen tragen wir dazu bei, den Verbrauch natürlicher Ressourcen in der Baubranche zu verringern“, sagt Lucio Pasini. „Neue Rohstoffe durch recyceltes Polyester in gleicher Qualität zu ersetzen, bedeutet weniger Abfall, 50 Prozent weniger Wasserverbrauch und 50 Prozent weniger CO2-Emissionen gegenüber der Verwendung von neuem Polyester.“

Statt Meere zu verschmutzen, bekommen die Plastikflaschen ein zweites Leben als Industrieprodukt. Die PET-Flasche, aus der vor kurzem noch Wasser getrunken wurde, dichtet heute Dächer ab und schützt Gebäude vor Feuchtigkeit.

„TextileMission“

Trotz aller Recycling-Anstrengungen gelangen zum Beispiel sowohl beim Waschen von Vlieskleidung aus PET-Flaschen als auch von herkömmlich produzierter Kleidung winzige Plastikpartikel ins Wasser. An dieser Problematik wird intensiv geforscht. An dem Projekt mit dem Namen „TextileMission“ arbeiten unter anderem der Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie, die Hochschule Niederrhein und der WWF. Freudenberg unterstützt das Projekt mit seiner tiefgehenden und langjährigen Polymer-Expertise. Durchgeführt wird „TextileMission“ im Rahmen des Förderschwerpunkts „Plastik in der Umwelt, Quellen, Senken, Lösungsansätze“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Sicher ist: Weniger neu produziertes Polyester schont die Umwelt.  

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