Studie zur Agilität von Familienunternehmen

Die Nürnberger Beratungsgesellschaft Weissman & Cie. hat eine Studie mit dem Titel „Agile Champions. Wie agil müssen Familienunternehmen morgen sein?“ veröffentlicht. Dabei wurde deutlich, dass die Mehrheit der befragten Unternehmen zwar über eine gute „agile“ Ausgangsbasis verfügt, aber Potenziale ungenutzt bleiben. Defizite wurden vor allem hinsichtlich einer agilen Ablauforganisation, einer Innovationskultur und Kooperationsbereitschaft mit externen Dritten sowie einer Nutzung agiler Methoden und Technologien festgestellt.

Studiendesign

Durch die Studie und den damit verknüpften Benchmark mit anderen Unternehmen sollen Unternehmern Handlungsfelder und Verbesserungspotenziale aufgezeigt werden. Befragt wurden von Juni bis August 2018 Unternehmen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol, die sich mehrheitlich in Familienbesitz befinden. 154 Familienunternehmen beteiligten sich an der Studie. 72 Prozent der Teilnehmer beschäftigen mindestens 50 Mitarbeiter, 79 Prozent erwirtschaften einen Umsatz von mindestens zehn Millionen Euro. Die am häufigsten vertretenen Branchen kamen aus der Bau- beziehungsweise der Bauzulieferindustrie, der Dienstleistungsbranche, dem Maschinen- und Anlagenbau sowie der Elektroindustrie. 84 Prozent der Studienteilnehmer waren Gesellschafter oder Geschäftsführer. Der Fragebogen bestand aus drei Komponenten: Dynamik der Umwelt, agiler Reifegrad der Unternehmen, Einschätzung der Erfolgspotenziale von Agilität.

Große Chancen erkannt

„Die Mehrheit der befragten Unternehmen – 73 Prozent – ist von den hohen Potenzialen, die agile Unternehmen heben können, überzeugt“, so Stefan Gutsch, Partner Weissman & Cie., und Berater Maximilian Beisl. „Knapp 80 Prozent sind der Ansicht, dass hoch agile Unternehmen zufriedenere Kunden haben und stärkere Umsatzzuwächse verzeichnen als weniger agile Unternehmen.“

Die Befragung hat gezeigt, dass die befragten Familienunternehmen über einen hohen agilen  Reifegrad in den Dimensionen Mitarbeiter/Führung sowie Organisation verfügen. 81 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, über wenige Hierarchiestufen sowie 66 Prozent über kurze Informations- und Kommunikationswege zu verfügen. 50 Prozent berichteten über eine dezentrale Entscheidungsfindung und hohe Entscheidungsautonomie der Mitarbeiter. Projektbasierter, interdisziplinärer Teamarbeit wird eine hohe Bedeutung eingeräumt.

Schwächen bei Methoden und Innovationskultur

Im Bereich Methoden und Technologien wird jedoch deutliches Verbesserungspotenzial deutlich und auch in den Dimensionen Kultur und Kooperation ist noch viel Luft nach oben. Nur knapp 40 Prozent der Studienteilnehmer nutzen Echtzeit-Informationssysteme. Gerade einmal 24 Prozent verfügen über moderne Technologie im Bereich Entwicklung und Design wie Rapid Prototyping. Zwar nutzen 64 Prozent der Unternehmen mindestens ein agiles Werkzeug, doch dabei handelt es sich meistens um traditionelle Werkzeuge wie CAD/CAE-Programme oder Methoden des Lean Managements. Design Thinking und Scrum zum Beispiel werden nur von 18 beziehungsweise 17 Prozent genutzt; Lean Startup sogar von nur vier Prozent.

Die meisten Unternehmen räumen der Unternehmenskultur eine hohe Bedeutung ein, aber lediglich 37 Prozent geben an, über eine Innovationskultur zu verfügen. Daraus lässt sich schließen, dass die Mehrheit der Unternehmen bezüglich der Entwicklung neuer, innovativer Leistungen eher reaktiv als aktiv handelt. Dagegen scheinen die befragten Unternehmen Fortschritte bei der so wichtigen Komponente Fehlerkultur gemacht zu haben. Mit 56 Prozent gibt die Mehrheit der befragten Unternehmen an, über eine Kultur zu verfügen, in der aus Fehlern gelernt wird, um kontinuierlich besser zu werden.

Kooperationsbereitschaft verbesserungsfähig

Nur 30 bis 40 Prozent der befragten Unternehmen beziehen Kunden oder Lieferanten in die  Entwicklung oder Gestaltung ihrer Angebote mit ein. Doch das ist unerlässlich, um Produkte schnell entwickeln und im Markt testen zu können. Die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen in der Lage sind, Kooperationen zu formieren, um eine sich bietende Marktgelegenheit auszunutzen, ist eine wesentliche Determinante des Agilitätsgrades von Organisationen. Zwar geben 63 Prozent der Studienteilnehmer an, über die Kompetenz zu verfügen, schnelle Kooperationen mit Wettbewerbern, Lieferanten und Kunden  einzugehen, tatsächlich werden nur in 40 Prozent der Fälle Kunden frühzeitig und systematisch in die Produktentwicklung einbezogen, bei den Lieferanten geschieht das sogar nur in 32 Prozent der  Fälle. Hier verschenken die Unternehmen Chancen.

Veränderungsbereitschaft mittelmäßig

Die Märkte verändern sich immer schneller, also müssen sich auch die Unternehmen verändern und ihre Kompetenzen up-to-date halten. Trotzdem fördert nicht einmal die Hälfte der Befragten ihre Mitarbeiter durch kontinuierliche Entwicklungsprogramme. Unter dieser Prämisse darf es nicht überraschen, dass nur rund 42 Prozent ihre Mitarbeiter für offen gegenüber neuen Ideen/Methoden halten, zumal auch nur in rund 44 Prozent der Unternehmen die Führungskräfte offen für Veränderungen, neue Ideen und Technologien sind und diese proaktiv vorantreiben. Grund dafür könnte sein, dass die Führungskräfte auf Abteilungs- und Bereichsebene in der Regel stark in das operative Geschäft eingebunden sind und agile Veränderungsprozesse deshalb oft „hinten runter fallen“.  Da nützt es dann auch nicht mehr viel, dass die oberste Führungsebene Veränderungen aktiv vorantreibt und als Vorbild für Change-Initiativen agiert.

Positives Gesamtbild

Setzt man die interne Perspektive (agiler Reifegrad) und die externe Perspektive (Dynamik der Umwelt) in Verbindung, so ergibt sich ein eindeutiger Bezug: Je höher der Druck agil zu handeln, desto höher ist die agile Reife der befragten Unternehmen. Im Detail fällt jedoch auf, dass sich knapp 17 Prozent der Studienteilnehmer  in einem relativ dynamischen Umfeld bewegen, jedoch nur über einen geringen agilen Reifegrad verfügen; andererseits 16 Prozent einen hohen agilen Reifegrad haben, sich jedoch in einem Umfeld bewegen, das nur wenig dynamisch ist. 58 Prozent der Unternehmen sind in einem hoch dynamischen Umfeld tätig und begegnen dieser Dynamik mit einem hohen agilen Reifegrad.

„Zusammenfassend ergibt sich ein positives Bild“, so Gutsch und Beisl: „Knapp 75 Prozent der deutschen Familienunternehmen bringen die Voraussetzungen für agiles Handeln mit. Um den agilen Wandel voranzutreiben, müssen Führungskräfte wie operative Mitarbeiter für Agilität weiter sensibilisiert werden.“ Die Experten empfehlen darüber hinaus die Anpassung der Ablauforganisation, eine stärkere Integration von Lieferanten, Kunden und Wettbewerbern, den Aufbau eines aktiven Wissensmanagements und das Anstoßen eines proaktiven statt eines reaktiven Innovationsprozesses.

Die Studie steht auf der Website von Weissman & Cie. zum Download zur Verfügung.

© 2018 Dr. Breitsohl Verlagsgesellschaft mbH. Alle Rechte vorbehalten. www.familienunternehmer-news.de | Website: travix-media.de