Die Startup-Lüge

Dr. Jochen Kalka, Chefredakteur von Werben & Verkaufen, Der Kontakter und Lead digital, nimmt in seinem soeben erschienenen Buch den Start-up-Hype aufs Korn. Er schreibt über zwölf Start-up-Lügen. Bei einigen der von ihm identifizierten „Lügen“ kann man ihm durchaus zustimmen, zum Beispiel „Das Silicon Valley ist der neue Garten Eden“ oder „Start-ups sind coole Arbeitgeber“. Bei anderen würde ich widersprechen, aber es sind nicht einmal die Überschriften der zwölf Lügen, die mich nachdenklich machen, sondern zum einen die Vehemenz und die Akribie, mit der der Autor die Dinge, die schlecht laufen, aneinanderreiht, zum anderen, dass sich viele Beispiele auf Unternehmen wie Amazon, Apple, Facebook und Google beziehen, die in meinen Augen keine Start-ups mehr sind. Dass Dieter Zetsche und andere Vorstandschefs großer Konzerne nach Silicon Valley pilgern und sich aufführen, als sei es das gelobte Land und auf Hauptversammlungen mit Sneakers und ohne Krawatte erscheinen, ist kein Problem der Start-ups, sondern ganz alleine das von Herrn Zetsche und Kollegen.

Hin und wieder macht es sich der Autor auch etwas zu einfach, zum Beispiel bei Lüge zwei. Kalka schreibt, dass die Aussage, ein Start-up zu gründen sei einfach, eine Lüge ist. Damit hat er zweifellos Recht. Die meisten Start-ups verschwinden schneller als sie gegründet wurden und ja, es wird viel Geld verbrannt. Vielen Gründern fehlen sicherlich wirtschaftliches Verständnis und unternehmerische Kompetenz, viele gehen tatsächlich ziemlich blauäugig an die Gründung heran. Aber woran liegt das denn? Seien wir doch mal ehrlich: Unser Bildungssystem ist ganz und gar nicht darauf ausgelegt, Unternehmertum zu fördern oder den Studierenden gar die entsprechenden Kompetenzen dafür zu vermitteln.

Auf den letzten paar Seiten unter der Überschrift „Die Wahrheit: Es ist nicht alles Lüge“ findet Kalka dann noch zu einem einigermaßen versöhnlichen Abschluss, indem er auflistet, was Unternehmen tatsächlich von Start-ups lernen können: sich hin und wieder einmal in Frage zu stellen, mehr auf Menschen und deren Wünsche und Fähigkeiten zu achten, sich von unnötiger Management-Politik zu verabschieden und sich neuen Ideen und  Denkweisen gegenüber zu öffnen. Insofern könnte das Buch auch eine nützliche Lektüre für Unternehmer sein, die die Start-up-Phase schon längst hinter sich haben.

Leider nennt der Autor keines der positiven Beispiele, die mir in meiner Arbeit täglich begegnen, auch wenn darauf sicherlich nicht der Fokus des Buches liegt. Doch es ist eben nicht alles Lüge im Start-up-Universum. In Deutschland gibt es viele Start-ups, die richtig gute Sachen machen wie Timebuzzer, Rock Your Company, Lea, Cegat, Foodtracks oder Playbrush, die entweder dem Mittelstand oder dem Endkunden nützen. Wahrscheinlich werden sie es nie zu Milliardenbewertungen bringen wie Facebook und Apple. Doch es besteht die Chance, dass aus ihnen richtig gute Unternehmen werden. Und das ist es doch, was wir brauchen.

Das Buch glänzt mit einer Fülle von Zahlen, Insider-Wissen, Beispielen und ist unterhaltsam. Es wirft einen kritischen Blick auf den Start-up-Hype und zeigt, dass besonders die etablierten Unternehmen noch viel zu lernen haben, denn Start-up sein, heißt eben mehr als bunte Loungesessel und einen Tischkicker aufzustellen. Ein etabliertes Unternehmen kann nicht zum Start-up werden, es kann aber Denk-, Arbeits- und Herangehensweisen übernehmen, um Flexibilität zu gewinnen, sich zu verändern und innovativ zu bleiben. (-ap)

Die Startup-Lüge, Econ, ISBN 978-3-430-21002-7, € 18, auch als E-Book erhältlich

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