Wertstoffhandel per App: Scrappel digitalisiert Gewohntes
Das Gründerteam der Alba-Tochter Scrappel: Sebastian Kussatz, Matthias Spanic, Christian Menz (v.l.). Kussatz und Menz kommen aus der Alba Group.

Wertstoffhandel per App: Scrappel digitalisiert Gewohntes

Im April 2018 startete das Start-up „scrappel“ – nomen est omen – in Berlin die erste digitale Plattform mit vollständigem Prozess für den Handel mit Wertstoffen. Das junge Unternehmen ist ein Tochterunternehmen des Recyclingspezialisten Alba Group.

Das Familienunternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, die Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft zu revolutionieren. Scrappel ist das erste Projekt, das auf eigene Füße gestellt wurde. Mit den Gründern Sebastian Kussatz, Christian Menz und Matthias Spanic ging ein Team an den Start, das nicht nur unterschiedliche Kompetenzen mitbringt, sondern auch ein hohes Maß an Branchenerfahrung, denn Kussatz und Menz kommen aus der Alba Group. Wirtschaftsinformatiker Kussatz war dort Leiter IT, Menz arbeitete im Vertrieb und war selbst als Metallhändler tätig. Jurist Spanic bringt die nötige Gründererfahrung mit. 2006 gründete er sein erstes Unternehmen, das er später verkaufte. Es besteht noch heute und beschäftigt 400 Mitarbeiter. Das B2B-Geschäft und digitale Marktplätze sind Spanic‘ Steckenpferd. „Die Recycling-Branche ist extrem spannend und der Markt ist riesig. Momentan werden Geschäfte im Eisenschrott- und Buntmetallbereich im Wert von rund 8,5 Milliarden Euro analog abgedeckt und es gibt noch viel mehr Wertstoffe, deren Handel digitalisiert werden muss“, sagt er.

Vertrauen schaffen

Auf der neuen Plattform finden Anbieter und Abnehmer von Eisenschrott und Buntmetall mithilfe einer Web- und einer mobilen App zueinander. Einzigartig ist die Abwicklung sämtlicher Handelsprozesse innerhalb der Plattform – vom Inserat über Preis- und Lieferungsabsprachen in einem zentralen Chatformat bis hin zur vollumfänglichen Zahlungsabwicklung über ein vorgeschaltetes Treuhandkonto. Als wichtiges Element für die Akzeptanz der Plattform sieht Spanic die Nutzerverifizierung bei der Registrierung: „Wir sind in einer eher konservativen Branche tätig. Deshalb geben wir uns große Mühe mit der Nutzeridentifizierung, um für Vertrauen und Transparenz zu sorgen. Wenn man sich nicht kennt, vertraut man sich nicht“, sagt der Gründer. „In der analogen Welt muss man sich einen Handelsregisterauszug und Bilanzen besorgen. Wir machen das über den KYC (know your customer)-Prozess, über Auskunfteien wie Creditreform und bestehen darauf, dass sich Geschäftsführer oder Prokuristen registrieren.“ Ebenso wichtig seien Vertrauen und Transparenz bei der Zahlungsabwicklung, so Spanic weiter. Deshalb arbeite man mit einem Treuhandkonto. „Das Geld wird erst freigegeben, wenn der Käufer via digitaler Wiegenote den Empfang und die abgestimmte Qualität der Lieferung bestätigt hat.“

Look und Feel adaptiert

So mancher mag sich fragen, wie eine konservative Branche davon überzeugt werden soll, per App, Messenger und Chat zu verhandeln und Deals abzuschließen, doch die Lösung knüpft an das gewohnte Verhalten der Händler an, die schon bisher zum Beispiel über Whatsapp oder Facebook Messenger gehandelt haben. „Warum sollen wir etwas neu erfinden, was es sozusagen schon gibt?“, fragt Spanic. „Wir haben mit vielen Händlern gesprochen und sie alle – egal welchen Alters – haben schon auf diese Weise gehandelt. Also haben wir den Look und Feel des Gewohnten adaptiert und professionalisiert. Wenn die Händler die App zum ersten Mal nutzen, werden sie sich schnell zurechtfinden.“ Das Start-up folgt hier ganz dem Grundsatz „mobile first“.

Fragt man Spanic nach den Zukunftsplänen für Scrappel, nennt er zunächst den Handel mit weiteren Stoffen. Man denke über PPK – Papier, Pappe, Kartonagen – nach, da hier die Prozesse ähnlich seien. Bezüglich der Internationalisierung ist man noch zurückhaltend. Da handle man opportunistisch, so Spanic. Er könne sich zum Beispiel vorstellen in Polen oder Österreich aktiv zu werden, wenn sich die Gelegenheit ergebe. Wichtiger findet er, die „pains and needs“, die Schmerzpunkte der Plattformnutzer herauszufinden und um den Handel herum weitere Services aufzubauen, zum Beispiel Factoring oder Warenkreditversicherungen. „Digital können solche Abschlüsse innerhalb von zehn Minuten getätigt werden.“ Scrappel arbeitet hierbei exklusiv mit Euler Hermes, dem größten Warenkreditversicherer der Welt, zusammen.

Aufgeschlossen für Neues

Die Annahme, als Alba-Tochter setze sich Scrappel in ein gemachtes Nest, weist Spanic zurück. „Selbstverständlich können wir die Expertise der Rechtsabteilung oder anderer zentraler Dienste nutzen“, gibt er zu. „Für die Entwicklung eines MVP (Minimum Viable Product) beziehungsweise MMP (Minimum Marketable Product) hatten wir jedoch feste Budget- und Zeitvorgaben, die wir auch einhalten konnten. Mit dem MMP mussten wir inklusive Businessplan einen Pitch-Prozess durch alle Alba-Abteilungen bis hin zum Vorstand durchlaufen. Und natürlich bekommen wir Geld, aber immer gebunden an Meilensteine und verbunden mit monatlichen Reportings.“

Besonders glücklich waren die Scrappel-Gründer über die Motivation und das Interesse der ALBA-Mitarbeiter. „Wenn ein Familienunternehmen so etwas wie das Innovationlab auf die Beine stellt und eine Tochter gründet, die das eigene Geschäft ein Stück weit kannibalisiert, ist das sehr mutig und nicht immer sind alle einverstanden. Doch die Alba-Mitarbeiter, die in das Projekt eingebunden waren, arbeiteten hoch motiviert“, sagt Spanic. „Auch bei den anderen herrschte großes Interesse. Das haben wir bei unseren Veranstaltungen im Headquarter bemerkt, bei denen wir regelmäßig über den Stand der Dinge berichteten. Es kamen immer mehr Leute, die sich dafür interessierten und mehr erfahren wollten.“ (Andrea Przyklenk)

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