Gründung aus der Wissenschaft: Der etwas andere Blickwinkel
Dr. Bernhard Schmitz, Dr. Michael Raschke und Dr.-Ing. Michael Wörner (v.l.) sind die Gründer der Blickshift GmbH. An der Schnittstelle zwischen kognitiven Systemen und der künstlichen Intelligenz entwickelt das junge Unternehmen innovative Lösungen zur effizienten Analyse des menschlichen Blickverhaltens. (Foto: Mark Hindley)

Gründung aus der Wissenschaft: Der etwas andere Blickwinkel

Das Start-up Blickshift ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus der Forschung heraus nützliche Produkte für Unternehmen entstehen. Die drei Gründer waren Doktoranden am Institut für Visualisierung und Interaktive Systeme der Universität Stuttgart und beschäftigten sich dort mit Analysetechniken für Eye-Tracking-Daten.

Eye-Tracking (Analyse des Blickverhaltens) ist für viele Bereiche interessant. Marketingleute möchten wissen, wie wir Anzeigen oder Produktverpackungen anschauen, Autobauer interessiert, was wir im Straßenverkehr übersehen, damit sie ihre Fahrerassistenzsysteme besser anpassen können. Im Gaming ist Eye-Tracking ebenso interessant wie in Industrie 4.0, Medizin, Psychologie, Virtual und Augmented Reality. Die Gründer von Blickshift merkten im Zuge ihrer wissenschaftlichen Arbeit schnell, dass die Lösungen am Markt nicht für ihre Zwecke ausreichten. Deshalb entschlossen sie sich, eigene Software-Werkzeuge zu entwickeln. Als die Wissenschaftler begannen, ihre Erkenntnisse zu publizieren, stellte sich bald heraus, dass ihre Lösung speziell im Automotive-Bereich als Bindeglied zwischen Sensorik des Fahrzeugs und der Fahreranalyse weltweit einzigartig ist. Mittlerweile zählen große Autohersteller ebenso wie Zulieferer zu den Kunden von Blickshift. Die Software des jungen Unternehmens spart ihnen aufwändige und kostenintensive Eigenentwicklungen.

Zukunft der Mobilität mitgestalten

„Auch wenn unsere Software für viele Anwendungen tauglich ist, haben wir uns zunächst intensiv mit den Anwendungsmöglichkeiten unserer Software für die Autoindustrie befasst“, sagt Mitgründer Michael Raschke. „Das ist naheliegend, denn schließlich befinden sich im Stuttgarter Raum große Autobauer. Eye-Tracking ist zwar nichts Neues, aber bisher war die Auswertung und Analyse der Daten extrem zeitaufwändig. Unsere Algorithmen ermöglichen nicht nur die Analyse sehr großer Datenmengen mit wenigen Mausklicks, sondern auch Fehlerreduzierung.“ Je stärker sich das halbautomatisierte und vollautomatisierte Fahren durchsetze, desto mehr Daten müssten ausgewertet werden, damit zuverlässige Fahrerassistenzsysteme entwickelt werden könnten. „Es reicht nicht aus, das Blickverhalten des Fahrers auszuwerten. Es muss mit anderen Daten wie der Geschwindigkeit des Fahrzeugs, den Tätigkeiten des Fahrers, den Daten aus den im Fahrzeug verbauten Sensoren und den Umgebungsdaten zusammengeführt werden“, erklärt Raschke. „Das können unsere Algorithmen effizienter, zuverlässiger und mit viel größeren Datenmengen als das bisher möglich war.“

Keine bessere Zeit als jetzt

Für die drei Wissenschaftler gab es zwei Motive, ein Unternehmen zu gründen. „Zum einen hatten wir alle drei den Wunsch, aus der Forschung heraus ein reales Produkt zu entwickeln. Zum anderen lockte uns die Freiheit, uns selbst zu verwirklichen“, erzählt Raschke. „Und tatsächlich sind die Bedingungen für Ausgründungen aus Universitäten in Baden-Württemberg sehr gut dafür geeignet, in Ruhe ein gutes Produkt zu entwickeln und ein Unternehmen aufzubauen.“

Im Juni 2015 ging das Start-up mit Unterstützung durch das Programm „EXIST“ an den Start. Das erste Projekt wurde über die TTI GmbH der Universität Stuttgart abgewickelt. Die Wissenschaftler können über diese GmbH über eine eigene, dort geführte Abteilung Geschäfte machen. Außerdem wird das Start-up durch das Junge-Innovatoren-Programm des Landes Baden-Württemberg gefördert. 2016 zog das Team in  „Code_n Spaces“ der GFT, ein Innovationscampus, in dem Start-ups, erfahrene Unternehmer und Corporate Innovation Teams nebeneinander und miteinander arbeiten. „Das gab uns einen weiteren Schub“, sagt Raschke. „Wir erhalten dort viel Feedback, können uns austauschen und Kontakte knüpfen.“ Der 36-Jährige empfiehlt jungen Wissenschaftlern, die Unternehmensgründung als echte Option zu betrachten und auszuprobieren: „Es gibt keine bessere Zeit, ein Unternehmen zu gründen als an der Schnittstelle zwischen Studium und Beruf“, sagt er und fügt hinzu: „Es ist faszinierend, ein eigenes Unternehmen aufzubauen und alles selbst zu entscheiden vom Namen über das Logo bis hin zum Umgang mit den Mitarbeitern. Sollte man scheitern, bringt man viel Erfahrung mit und hat überall eine Chance.“

Zufriedene Kunden vor Investoren

Die Förderprogramme haben es den Gründern ermöglicht, sich intensiv um das Produkt und die Kunden zu kümmern. Dabei soll es vorläufig auch bleiben. „Eine investorenbasierte Finanzierung hat Vor- und Nachteile. Wir sprechen zwar mit Investoren, aber im Moment ist unsere oberste Priorität, zufriedene Kunden zu schaffen“, sagt Raschke. „Wir wollen auch in einigen Jahren noch selbst die Richtung der Firma bestimmen, aber wie sich das Unternehmen konkret weiterentwickelt, ist momentan noch nicht absehbar. Es könnte durchaus sein, dass wir weitere Geschäftsmodelle entwickeln.“ (- ap)

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