Digitale Zukunft: Vom Briefkasten zur privaten Paketstation
Armin Renz führt die Renz Metallwarenfabrik GmbH & Co. KG seit 2004 in dritter Generation.

Digitale Zukunft: Vom Briefkasten zur privaten Paketstation

Der 1925 gegründete Briefkastenhersteller Renz aus Kirchberg/Murr mit seinen europaweit 750 Mitarbeitern gilt in der deutschen und europäischen Briefkastenbranche als führend. Jetzt hat das Familienunternehmen die Chancen des wachsenden E-Commerce und der damit einhergehenden Paketflut ergriffen. Mit seinen neuen Paketkastenanlagen für Ein- und Mehrfamilienhäuser erleichtert es Paketzustellern und -empfängern das Leben und erschließt sich neue Geschäftsfelder.

Wir kennen es alle: Das Paket mit der im Internet bestellten Ware kommt genau dann, wenn wir nicht zuhause sind. Wenn es kein freundlicher Nachbar annimmt, müssen wir es bei der Post oder in einem Shop abholen oder der Zusteller muss erneut kommen. Haben wir eine Rücksendung, müssen wir uns ebenfalls auf den Weg machen. Mit den intelligenten Paketkastenanlagen kann man sich dieses Hin und Her ersparen. Und das ist bei Weitem nicht das einzige Einsatzgebiet der Anlagen. Mittlerweile werden sie auch von Unternehmen eingesetzt, die auf Multi-Channel-Lösungen schwören. Unter dem Stichwort „Click & Collect“ wird Kunden die Möglichkeit geboten, Produkte online zu kaufen und beim Händler vor Ort abzuholen. Mit den Anlagen von Renz kommt der Kunde auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten an seine Waren. Manche Unternehmen nutzen die Paketkastenanlagen für die Intralogistik oder für die Mitarbeiter, damit sich diese ihre Pakete bequem und ohne Beeinträchtigung der Arbeitsprozesse an die Arbeitsstätte zustellen lassen können.

Hat der Briefkasten Zukunft?

„Ja, momentan sind Briefkästen noch nötig und das wird sicher in absehbarer Zeit so bleiben“, sagt Armin Renz, der das Unternehmen in dritter Generation führt. „Wir haben uns jedoch schon früh Gedanken darüber gemacht, was passiert, wenn der Briefverkehr irgendwann nur noch elektronisch abläuft. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass der E-Commerce rasant wächst und weiter wachsen wird. Zugestellt werden müssen Pakete jedoch analog. Das ist für Empfänger und Zusteller oft mit Unannehmlichkeiten verbunden. Also haben wir überlegt, wie wir beiden Seiten das Leben erleichtern können.“

In Zusammenarbeit mit einem schwedischen Start-up, das heute zu 100 Prozent zu Renz Schweden gehört, sowie anderen externen Partnern begann die eigene IT mit der Entwicklung einer digitalen Lösung. Für dieses Projekt „Renz Steuereinheit Plus“ wurde Projektleiter und Renz-CIO Stefan Würtemberger als CIO des Jahres 2016 ausgezeichnet.

Mehr als eine Paketbox

„Die ursprüngliche Steuereinheit aus Schweden war zu unflexibel als dass wir alle Paketdienstleister in jedem Markt hätten einbinden können. Doch das war erfolgskritisch“, erzählt Renz. „Die Lösung war schließlich eine hoch flexible Steuereinheit in Verbindung mit der Systemplattform ‚myRENZbox‘, auf der sich alle Nutzer der Paketanlagen registrieren können.“ Die Steuereinheit gibt es in verschiedenen Ausführungen. Eine Variante erlaubt es zum Beispiel Wohnungsverwaltungen, das Display der Anlage als schwarzes Brett zu nutzen.

Wer die Paketkastenanlage nutzen möchte, muss mit den verschiedenen Paketzustellern einen so genannten Ablagevertrag abschließen und sich auf der Plattform www.myrenz.com registrieren. Die Bedienung der Paketkastenanlagen ist denkbar einfach und erfolgt über einen Touchdisplay. Die Identifizierung der einzelnen Nutzer geschieht via App, über einen elektronischen Schlüsselchip oder die Eingabe einer persönlichen PIN. Empfangen und versendet werden können dank integrierter Logistikprozesse Pakete von DHL, DPD, GLS und Hermes, die zusammen über 80 Prozent der Zustellungen in Deutschland im B2C-Bereich erledigen. Aber nicht nur das: Nutzer der Paketanlagen können anderen Zustellern oder Lieferanten mittels eines  Dauercodes oder einer einmaligen PIN ebenfalls die Möglichkeit geben, die Anlage zu nutzen. Man kann sogar dem Nachbarn einen Kuchen in die Paketbox stellen, den er dann mittels PIN entnehmen kann.

Digitales Produkt verändert alles

So perfekt das neue Produkt jetzt ist, so steinig war der Weg bis zum Ziel. „Die erste Idee war mangelhaft. Dadurch wurden die Investitionen höher als gedacht“, sagt Renz. „2013 haben wir in Frankreich zwei Prototypen mit den Grundfunktionen getestet. Aus diesen Erfahrungen heraus haben wir nach und nach das Serienprodukt entwickelt. 2015 sind wir in Deutschland mit drei Pilotprojekten in Baden-Württemberg in den Markt gegangen.“

Das digitale Produkt verändere alles im Unternehmen, betont Renz. Man brauche neue Kompetenzen und müsse mit Externen arbeiten, zum Beispiel mit App-Entwicklern. Aus einem analogen Produkt ein digitales zu machen, verändere Entwicklung, Konstruktion, Produktion und alle Prozesse. „Wir brauchen zum Beispiel jetzt eine CE-Erklärung mit einem Handbuch und müssen externe Tests bezüglich EMV, Hitze und Wasser durchführen lassen. Das ist eine Umstellung für alle im Unternehmen“, betont der Geschäftsführer. Doch der Aufwand habe sich gelohnt. Momentan verdiene man zwar nur durch den Mehrwert der Ausstattung und nicht durch die Plattform, doch man denke bereits über Miet- und Leasingmodelle nach. Darüber hinaus „tun sich ganz neue Zielgruppen auf“. In Schweden nutze ein großes Klinikum die Paketanlage als Wareneingang. Für Materiallieferungen an Baustellen eigneten sich die Anlagen ebenfalls. „Auch wenn der Weg manchmal holprig ist, darf man den Mut nicht verlieren, sondern muss aus den Fehlern lernen, an den Erfolg glauben und dranbleiben“, zieht Renz Bilanz.                                                                   

Offensichtlich hat es sich gelohnt. Für seine innovativen Paketkastenanlagen mit elektronischer Steuerung wurde das Unternehmen mehrfach ausgezeichnet. Am 30. Mai 2017 erhielten die Kirchberger den Sonderpreis des Vorstands des „SmartHome Deutschland Awards 2017“. Ende Juni wurde Renz der „Digital Leader Award“ in der Kategorie „Invent Markets“ verliehen. In dieser Kategorie werden Digitalisierungsprojekte ausgezeichnet, durch die neue Märkte und Kundengruppen erschlossen werden. (Andrea Przyklenk)

www.renzgroup.com

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