Plötzlich Chefin
Führen heute gemeinsam das Familienunternehmen: Irmgard Freidler und ihre Söhne André (l.) und Oliver (r.).

Plötzlich Chefin

Der unerwartete Tod eines Unternehmers stellt für eine Firma einen massiven Einschnitt dar. Vor sieben Jahren stand der Nudelhersteller Alb-Gold vor dieser nur schwer zu meisternden Herausforderung.

Es geschah am 18. Juli 2010. Klaus Freidler, damaliger geschäftsführender Gesellschafter des zweitgrößten deutschen Nudelherstellers Alb-Gold, war wie so oft sonntags mit seinem Mountainbike auf der Schwäbischen Alb unterwegs. Doch an diesem Tag sollte er nicht mehr nach Hause zurückkehren. Er starb auf seiner Tour an Herzversagen, so die spätere Diagnose.

Unerwartetes Ableben war nie Thema

Der Tod des erst 52-jährigen Unternehmers traf seine Frau und die beiden Söhne völlig unerwartet, da auch keinerlei Vorerkrankungen bekannt waren. „Mein Mann hatte natürlich in seiner unternehmerischen Verantwortung entsprechende Vorkehrungen getroffen, obwohl ein plötzlicher Tod nie Thema unserer Gespräche war. Er hatte mir eine Generalvollmacht zur Weiterführung des Unternehmens erteilt. Zudem gab es ein gemeinsam verfasstes Testament“, erzählt seine Frau Irmgard, die bis zu seinem Tod im Unternehmen für Finanzen, Controlling und Personal verantwortlich war. In Bezug auf eine Nachfolge gab es innerhalb der Familie bereits vor diesem schweren Schicksalsschlag von beiden Seiten positive Signale, mehr aber nicht: „Die Tendenz war da, dass unsere Söhne irgendwann einmal das Unternehmen leiten würden, aber eben sehr viel später.“

Weiterhin in Familienhand

Bereits einen Tag nach dem Unglück übernahm Irmgard Freidler trotz der extremen psychischen Belastung die alleinige operative Führung von Alb-Gold und der Tochterunternehmen. Einerseits musste mit diesem Schritt die Rechtssicherheit als GmbH gewahrt werden, andererseits war von Anfang an klar, dass die Firma in Familienhand bleiben sollte. Auch die beiden Söhne wurden Teil der Geschäftsleitung. „Meine Söhne hatten gerade erst ihr BWL-Studium in der Fachrichtung Außenwirtschaft beziehungsweise Industrie abgeschlossen, aber keinerlei Erfahrung darin, ein Unternehmen zu führen. Dennoch war es mir wichtig, dass beide am selben Tag wie ich Teil der Geschäftsleitung wurden, mit dem Ziel, als Dreierteam das Vermächtnis im Sinne meines Mannes beziehungsweise ihres Vaters erfolgreich weiterzuführen“, betont die 57-Jährige.

Kommunikation ist Schlüssel zum Erfolg

Irmgard Freidler kam in dieser Extremsituation zugute, dass sie bereits seit Jahrzehnten Einblick in die unternehmensinternen Abläufe hatte, viele Geschäftspartner kannte und über die Firma innerhalb der Familie im Positiven wie Negativen sehr offen gesprochen wurde, „nichts im Verborgenen blieb“. „Dennoch kam ein wahrer Tsunami an Informationen auf mich zu, der es sehr schwierig machte, den Überblick zu behalten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen“, so die Unternehmerin rückblickend. Eine ihrer ersten Handlungen als Chefin war die Einberufung von Betriebsversammlungen bei Alb-Gold und den Tochterunternehmen. „Unsere Aufgabe war es, Zuversicht zu streuen, den Mitarbeitern zu zeigen, dass wir uns verpflichtet fühlten, im Sinne unserer Werte weiterzumachen und dafür sorgen wollten, alle Arbeitsplätze zu erhalten. Damit konnten wir auch Gerüchten, zum Beispiel um einen Verkauf des Unternehmens, Einhalt gebieten.“ Auf Abteilungsebene und mit den Abteilungsleitern gab es weitere Treffen, unter anderem mit dem Ziel, Verantwortung abzugeben. Mit Kunden, Geschäftspartnern und Banken suchte Freidler zusammen mit ihren Söhnen ebenfalls frühzeitig das Gespräch. „Man ist sich dessen gar nicht so bewusst, aber man steht in dieser Situation unter ständiger Beobachtung und über allem schwebt die Frage, ‚Schaffen die das?‘.“ Abgesehen von diesen Gesprächen tauschte sich die Unternehmerin mit einem befreundeten Wirtschaftsberater aus, der der Firma bereits seit vielen Jahren zur Seite steht. Überwältigt war Freidler vor allem von den zahlreichen Hilfsangeboten, darunter auch von vielen Unternehmern: „Es war für mich sehr ergreifend und wohltuend zu wissen, dass es da Menschen gibt, die einem mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn man einmal nicht wissen sollte, wie es weitergeht.“

Auf dem Weg in die dritte Generation

Es ging weiter und zwar sehr erfolgreich. Der Nudelhersteller konnte nicht nur seine Position auf dem Markt weiter festigen, sondern auch kräftig wachsen. International, aber vor allem in Amerika und zunehmend auch in Asien, sind die Produkte von der Schwäbischen Alb inzwischen sehr gefragt. Zudem kaufte Alb-Gold kürzlich ein drittes Unternehmen. „Dieser Erfolg war nur möglich, weil wir an unseren Grundwerten festgehalten und die Unternehmensphilosophie meines Mannes nicht nur gepflegt, sondern auch mit unseren neuen Ideen und Visionen angereichert haben“, sagt Freidler und ergänzt: „Das gibt uns das Selbstvertrauen, dass Alb-Gold auch unter Führung der dritten Generation weiter wachsen und gedeihen wird.“

Rückblickend empfiehlt Freidler jedem Unternehmer, sich für einen solchen Extremfall ausreichend vorzubereiten, sich darauf einzustellen, dass das Leben von einem auf den anderen Tag vorbei sein kann: „Da hilft neben einem Testament und einer Generalvollmacht vor allem im Kreise der Familie reden, reden, reden. Das ist mit eine der entscheidenden Grundlagen für die erfolgreiche Weiterführung einer Firma.“ -hf

Das Familienunternehmen Alb-Gold

Die Alb-Gold Teigwaren GmbH hat ihren Hauptsitz in Trochtelfingen auf der Schwäbischen Alb. 1968 von Franz Freidler als Geflügelhof gegründet, baute sein Sohn Klaus das Unternehmen nach und nach zu einem führenden Nudelhersteller aus. Rund 420 Mitarbeiter produzieren täglich bis zu 180 Tonnen Nudeln und erwirtschaften heute einen Umsatz von etwa 88 Millionen Euro. Die Innovationsfreude des Unternehmens ist immens, seien es das Kundenzentrum und die Kräuter-Welt am Stammsitz oder die neuen Nudel- und Herstellungsformen. „Unsere Produkte sind hochwertige, reine und wertvolle Nahrungsmittel. Wir verzichten auf künstliche Zusätze und lehnen die Verwendung von gentechnisch veränderten Rohstoffen aus tiefster Überzeugung ab“, heißt es aus dem Familienunternehmen.

www.alb-gold.de

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