Digitalisierung: Mittelstand beschränkt sich selbst
Stephan Wegerer unterstützt Unternehmen bei der digitalen Transformation und begleitet sie bei der Geschäftsmodell-Innovation. Gemeinsam mit Prof. Dr. Arnold Weissman hat Wegerer das Handbuch „Digitaler Wandel in Familienunternehmen“ veröffentlicht.

Digitalisierung: Mittelstand beschränkt sich selbst

Vieles, was im Mittelstand unter Digitalisierung des Geschäftsmodells läuft, ist nach Ansicht von Stephan Wegerer, Experte für Digitalisierung, Flickschusterei und nicht dazu angetan, den aktuellen Herausforderungen zu begegnen. Maximal 20 Prozent der mittelständischen Familienunternehmen verfügten derzeit über ein digitales Geschäftsmodell im weitesten Sinne, schätzt Wegerer, der bereits einige Unternehmen bei der Suche nach einem zukunftsfähigen Geschäftsmodell begleitet hat. „Manche bringen Digitalisierung in ihr Geschäftsmodell, indem sie zum Beispiel Sensorik für Predictive Maintenance nutzen“, erklärt er. „Doch für die meisten erschöpft sich die Digitalisierung des Geschäftsmodells mit der Erhöhung der Effizienz. Damit versuchen sie, Schnelligkeit und Transparenz zu gewinnen. Leider betrachten die meisten Transparenz als Kontrolle und damit können sie die Mitarbeiter nicht überzeugen. Die werden eher bremsen und damit sind weitergehende Projekte schon gescheitert.“ Wenn Unternehmer beziehungsweise die Geschäftsführung nicht dafür sorgten, dass die Mitarbeiter verstehen würden, dass es bei der Digitalisierung um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens gehe und auch entsprechende Ziele und Anreize setzen würden, könnten sie keine Unterstützung erwarten. „Darüber hinaus betrachten viele Unternehmer, gerade wenn die Firma produzierend tätig ist, die Digitalisierung durch die Industrie 4.0-Brille. Die Kundenperspektive bleibt dabei außen vor“, fügt Wegerer hinzu. „Bei fast allen Unternehmen fehlt ein Technologiemanagement, das für das Unternehmen relevante neue Technologien identifiziert und ihre Relevanz für das eigene Geschäftsmodell betrachtet.“

Wichtig oder dringend?

Die Unternehmen kommen laut Wegerer einfach nicht in die Umsetzung. Es werde zwar ständig über Digitalisierung geredet, aber die Beschäftigung damit, werde nicht als dringend empfunden. Möglicherweise sei der Veränderungsdruck nicht in allen Branchen hoch genug. „Ich glaube, dass die Unternehmer sehen, dass etwas Großes auf sie zurollt, für das ihnen eigentlich die Kompetenzen fehlen. Deshalb reduzieren wir die Digitalisierung auch gerne auf Nebenthemen“, mutmaßt Wegerer. „Wir beschäftigen uns zum Beispiel gerne und ausufernd mit Datenschutz und -sicherheit. Jeder Skandal scheint uns Recht zu geben. Endlich können wir sagen: ‚Die Digitalisierung ist Schuld‘, und haben einen Grund, uns nicht darauf einzulassen. Aber wenn wir ehrlich sind, gab es schon immer Industriespionage, wurde schon immer gestohlen und kopiert. Und am Ende müssen wir uns fragen: Ist es denn alles wert gestohlen zu werden?“ Ein weiteres Nebenthema sei der Faktor Fairness. Man sei schnell bereit, zu sagen, Uber ist unfair, Amazon macht den Einzelhandel kaputt, aber letztlich entscheide der Kunde, welche Dienste ihm den größten Mehrwert stiften und welche er somit zu nutzen bereit sei. Das hätten viele Unternehmer noch nicht erkannt.

Evolutionär und revolutionär

Der Weg zu mehr Digitalisierung im Geschäftsmodell oder zu einem digitalen Geschäftsmodell ist nach Wegerers Erfahrung für jedes Unternehmen anders. „Nur den wenigsten gelingt gleich die Geschäftsmodell-Revolution. Eine Plattform passt nicht zu jedem. Wer nicht über die geeigneten Kompetenzen verfügt oder keine Kunden, die damit etwas anfangen können, sollte einen anderen Weg finden“, sagt der Experte. „Aber man darf keine Angst haben, groß und über das aktuelle Geschäftsmodell hinaus zu denken. Es ist durchaus möglich, das vorhandene Geschäftsmodell evolutionär weiterzuentwickeln und außerhalb etwas ganz Neues, Revolutionäres zu schaffen. Wenn das Existierende noch fünf oder zehn Jahre funktioniert und Erträge bringt, ist das gut. Man muss nur rechtzeitig für die Zeit danach vorbereitet sein.“

Es gehe darum, sich neue Standbeine für die Zukunft zu verschaffen. Das könne auch ein neues Unternehmen sein, betont Wegerer: „Es gibt keinen Grund, den Erfolg an nur einem Unternehmen festzumachen. Das Ziel sollte nicht die gesteigerte Überlebensfähigkeit des einen Unternehmens sein, sondern generell der Unternehmungen der Unternehmerfamilie.“

Auf eigene Kompetenzen setzen

Bei der Suche nach einem neuen digitalen Geschäftsmodell gehe es zunächst darum, sich über die eigenen Kompetenzen klar zu werden wie Marktzugang, Kundenwissen, generelle Fähigkeiten oder Technologie. Im zweiten Schritt sollte man schauen, was man davon nutzen könne, um ein bestehendes Geschäftsmodell zu digitalisieren oder ein völlig neues Geschäftsmodell zu entwickeln. „Das, was ich an Kompetenzen habe, sind sozusagen die Pfeile in meinem Köcher. Jede Idee sollte danach bewertet werden, inwieweit ich sie mit meinen Pfeilen erlegen kann“, empfiehlt Wegerer.

Die Suche nach guten, umsetzungsfähigen Ideen sei ein Business-Innovation-Prozess, der intern, mit den eigenen Leuten, mit Externen oder in gemischten Gruppen ablaufen könne. Auf jeden Fall brauche man jemanden im Team, der über digitale Expertise verfüge. Die Empfehlung, sich der Methoden von Start-ups zu bedienen, sieht Wegerer kritisch: „Start-ups machen bestimmte Dinge gut. Man kann sich durchaus in Methodik und Arbeitsweisen etwas abschauen, sollte aber immer im Hinterkopf behalten, dass Start-ups unter anderen Voraussetzungen agieren als bestehende Unternehmen.“ Viel wichtiger sei es, dass sich das Top-Management bewusst werde, dass es nichts Wichtigeres gebe, als diesen Prozess zu definieren und ergebnis-verantwortlich zu begleiten. Kleineren und mittelgroßen Unternehmen empfiehlt er externe Unterstützung, große Unternehmen müssten den Prozess zur Geschäftsmodell-Innovation selbst gehen können. Dabei könne das Ergebnis durchaus ein neues Unternehmen außerhalb des bestehenden sein.

Geld und Mut

Nicht vergessen dürfe man, dass eine Geschäftsmodell-Innovation die Bereitschaft zum Investieren erfordere. Mit einer halben bis einer Million Euro komme man schon ziemlich weit. Wenn man dann noch Investoren einbinde, sei das Risiko überschaubar. „Oft ist es schwieriger ein bestehendes Geschäftsmodell zu drehen und kostet auch viel mehr Geld, das am Ende möglicherweise verschwendet ist“, gibt Wegerer zu bedenken. „Manchmal ist es einfacher, eine gute Idee, ein neues Geschäftsmodell zusammen mit Partnern umzusetzen, ein völlig neues Unternehmen zu gründen, in das alle ihre Kompetenzen und auch Geld einbringen.“ Vor allem aber brauchten Unternehmer Mut, den Mut, loszulassen, Neues zu schaffen, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben und Risiken einzugehen. (- ap)

www.boostinnovation.de

Auf dieser Website finden Sie eine Rezension des Buches „Digitaler Wandel in Familienunternehmen“ von Stephan Wegerer und Prof. Dr. Arnold Weissman.

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