Sharing Economy: Zwischen Nachhaltigkeit und Profitstreben
Prof. Dr. rer. pol. Stefan Heng, Dipl. Volkswirt, ist Professor für Digitale Medien an der Wirtschaftsfakultät der Dualen Hochschule in Mannheim. Er forscht zu den wirtschaftlichen Aspekten der digitalen Transformation; zuletzt speziell zu den Themen Industrie 4.0, Breitband-Ausbau, Elektromedizin, Augmented Reality und Sharing Economy.

Sharing Economy: Zwischen Nachhaltigkeit und Profitstreben

Firmen wie Uber und AirBnB habend die Sharing Economy bekannt gemacht und auch ins Gerede gebracht. Besonders bei Uber wird kritisiert, dass die Fahrer dies für wenig Geld tun und dabei noch das volle Risiko tragen würden. Allerdings sollte man die Sharing Economy nicht nur an den amerikanischen Konzernen messen. Sie gedeiht in ganz unterschiedlichen Ausprägungen auf der ganzen Welt und grundsätzlich ist es ja nicht schlecht, wenn Ressourcen geteilt werden: Das eigene Auto zum Beispiel steht sowieso meistens nutzlos herum. Dasselbe gilt für viele andere Gebrauchsgegenstände wie Rasenmäher, Motorsägen, Reinigungsgeräte und vieles mehr.

Prof. Dr. Stefan Heng ist Professor für Digitale Medien an der Wirtschaftsfakultät der Dualen Hochschule in Mannheim. Er forscht zu den wirtschaftlichen Aspekten der digitalen Transformation und hat sich in diesem Zusammenhang auch mit der Sharing Economy befasst.

Herr Professor Heng, was versteht man unter Sharing Economy?

Prof. Dr. Stefan Heng: Sharing Economy ist kein klar abgegrenztes Phänomen, geschweige denn ein abgegrenzter Wirtschaftsbereich. Stattdessen ist die Sharing Economy mit einer breiten Fülle an Synonymen verbunden; von der Nachhaltigkeitswirtschaft über die Null-Grenzkosten-Gesellschaft bis hin zum Ko-Konsum und konstruktivem Kapitalismus. In einer teilweise durchaus euphorischen Grundstimmung setzten die Unterstützer der Sharing-Idee darauf, dass die Wirtschaftsakteure in der aufkommenden Sharing Economy ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerechter werden, eine bessere Work-Life-Balance ermöglichen und auch noch sparsamer als bislang mit Ressourcen umgehen. Darüber hinaus sprechen einige wenige sogar schon hoffnungsfroh von der Sharing Economy als Überwindung des vom Egoismus geprägten neo-liberalen Kapitalismus und all seiner negativen Auswirkungen bis hin zum so genannten „Raubtierkapitalismus“, in Richtung einer sozialen Wir-Kultur.

Ist die Sharing Economy tatsächlich besonders sozial oder nachhaltig?

Unter der Flagge der Sharing Economy segeln heute weltweit bereits vielfältige Geschäftsmodelle mit unterschiedlicher regionaler Fokussierung und einem breiten Branchenspektrum; von den Bereichen Verleihen und Verschenken über Tauschbörsen und Car-Sharing, bis hin zu Wohnen, Co-Working, Finanzierung und Versicherung. Tatsächlich eröffnen diese Geschäftsmodelle weitreichende Potenziale in unterschiedlichen Bereichen: von der Stadtplanung bis zur Überwindung von althergebrachten Marktzutrittsschranken. Beispielsweise kann ein Sharing-Car mehr als zehn Autos in Privatbesitz ersetzen. Dies spart Material und daneben auch sehr viele Parkplätze in unseren überfüllten Innenstädten. Der der Verkehrsnutzung abgetrotzte Raum kann dann stadtplanerisch zur Steigerung der Lebensqualität eingesetzt werden. Darüber hinaus leiten die neuen Angebote auch zur kritischen Prüfung althergebrachter protektionistischer Strukturen an. Beispiel Taxigewerbe: Ist die kommunale Konzessionierung und die Ortskenntnisprüfung angesichts allgegenwärtiger Navigations-Smartphone-Apps überhaupt noch zeitgemäß? Oder sollen solche Marktzutrittsschranken vor allem überholte Marktstrukturen sowie liebgewonnene Profitströme schützen?

Die besonders prominenten Erfolgsgeschichten im Bereich der Sharing Economy beziehen sich zumeist auf recht junge Unternehmen, die mit ihrer innovativen Schlagkraft und einer mutigen bis wagemutigen Idee einen Nischen-Markt erobern. Oft zeigt sich bei diesen Geschichten aber auch bald, dass unternehmerische Erfahrung, Kapitalzugang und damit auch Kooperation mit althergebrachten Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette ein wesentlicher Faktor für weiteres Wachstum sind. Hier entstehen dann teilweise recht fruchtbare Symbiosen der „Old Economy“ und der „New Economy“.

Uber und AirBnB sind keine leuchtenden Beispiele für die Sharing Economy. Sie fördern indirekt den Rückgang von bezahlbarem Wohnraum in den Städten und stehen für prekäre Arbeitsverhältnisse. Funktioniert Sharing nur gut im Sinne von Gewinn, wenn dabei andere benachteiligt werden?

Neben den hoffnungsfrohen Aspekten, die die Protagonisten der Sharing Economy in buntesten Farben malen, gibt es auch kritische Aspekte zu berücksichtigen: vom Datenschutz über die Ausgestaltung von Beschäftigungsverhältnissen bis hin zum gesellschaftlichen Zusammenhalt; dazu passend sprechen Kritiker auch vom „kalifornischen Plattform-Kapitalismus“. Auch dürften in einem Geschäftsumfeld, das grundsätzlich auf Auswertung personenbezogener Daten im Umfeld von Big Data Analysis baut, die informationelle Selbstbestimmung und der Datenschutz nachdrücklich gefährdet sein. Daneben dürften sich viele Angebote vor allem auf Ballungsräume mit zahlungskräftiger Bevölkerung postmaterialistischer Prägung konzentrieren. Damit könnte sich mit der Sharing Economy die Kluft zwischen Stadt und Land deutlich vergrößern. Besonders kritisch könnte sich die Situation beispielsweise dort darstellen, wo das Taxi mit seiner Beförderungspflicht eine notwendige Ergänzung zum Öffentlichen Personennahverkehr ist. Falls das Taxigewerbe aber nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden kann, sind die besonders immobilen Alten und Kranken im ländlichen Raum, die auf eine Beförderung außerhalb der Stoßzeiten und außerhalb der Hauptstrecken angewiesen sind, vor allem betroffen. Darüber hinaus weicht die Sharing Economy den Schutz der Beschäftigten immer mehr auf. Tendenzen zu pseudoselbstständigen Abhängigkeiten, Risikoüberwälzung, ungeregelte zeitliche Verfügbarkeit und starker Druck auf das Lohnniveau sind die Kehrseite der mit der Sharing Economy verbundenen Flexibilität. In dieser Grauzone werden der Schattenwirtschaft Tür und Tor geöffnet. Enorme Steuerausfälle könnten daraus resultieren; mit besorgniserregenden Auswirkungen bezüglich der Erfüllung hoheitlicher Aufgaben und letztlich sogar dem Zusammenhalt der Gesellschaft als Solidargemeinschaft.

Gibt es bekannte deutsche Beispiele für Sharing-Economy-Unternehmen?

Natürlich gibt es auch in Deutschland bereits eine Vielzahl von Sharing-Geschäftsmodellen. Dazu hier nur eine sehr kleine Auswahl des bereits Umgesetzten, die sich beliebig ausweiten ließe: DriveNow (Carsharing von BMW und Sixt), Car2Go (Carsharing von Daimler und Europcar), Tamyca (privates Carsharing), Blablacar (Mitfahrgelegenheiten), AHOY (Kurzzeit-Vermietung vollausgestatteter Büros), Kleiderkreisel (Second-Hand-Kleidung), Wifis.org (WLAN-Zugang), Betterplace.org (gemeinschaftliches Spendensammeln für lokale Projekte), Seedmatch (Gründungsfinanzierung im Frühstadium) oder auch Friendsurance (Versicherungen teilen).

Welche Ergebnisse kann die Forschung bisher bezüglich der Sharing Economy bieten?

Unter dem Banner Sharing Economy entstehen nicht nur unternehmerische Initiativen, sondern auch gesellschaftliche und wissenschaftsnahe Projekte wie i-share, ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes kooperatives Forschungsprojekt, an dem sich unter anderem Forscher der Universität Augsburg, der Universität Mannheim, der Universität Göttingen, der Wirtschaftsuniversität Wien und der Hertie School of Governance in Berlin beteiligen. „OuiShare“, eine im Jahr 2012 in Paris gegründete Non-Profit-Organisation, die sich die Verknüpfung von Initiativen aus dem Bereich Sharing Economy zur Aufgabe gemacht hat, verleiht den Ouishare Award.
Interessant sind die Unterschiede bei der regionalen Ausprägung der Geschäftsmodelle und auch bei der soziodemografischen Beteiligung, die die Forschung herausgefunden hat. So braucht es wohl ein gewisses Menschenbild und eine gewisse materielle Freiheit, damit Menschen auch wirklich etwas verleihen. Daneben scheinen die Geschäftsmodelle in den ländlichen Bereichen eher auf klassische Formen des Teilens materieller Güter bezogen – die altbewährte Idee der Raiffeisen-Genossenschaft lässt grüßen. In den Ballungsräumen siedeln sich dagegen tendenziell eher technikbasierte und auch eher kommerziell orientierte Geschäftsmodelle an wie Uber und AirBnB.

Werden sich Sharing Geschäftsmodelle weiterverbreiten und in welcher Form?

Von der Sharing Economy könnte bezüglich der sozialen Motivation des Wirtschaftens und des nachhaltigen Ressourcenumgangs ein deutlicher Impuls hin zu einem sozial und ökologisch verantwortlichen Handeln ausgehen. Die vielfältigen innovativen Geschäftsmodelle zeigen einerseits, wie Angebote wesentlich effizienter erbracht werden können als in althergebrachten Strukturen. Dem gegenüber stehen vehemente Risiken hinsichtlich des Datenschutzes und der sozialpolitischen Auswirkungen. Hier wird überdeutlich, dass sich nicht allein der „Gutmensch“ mit vorbehaltlos sozialer Motivation in der Sharing Economy tummelt, sondern dass durchaus auch das Profitstreben die Triebfeder des Wirtschaftens in der Sharing Economy ist. Die Erkenntnis, dass in der Sharing Economy doch nicht alles grundsätzlich anders ist, sollte uns keinesfalls dazu veranlassen, alle hier entstehenden Ideen völlig enttäuscht zu verwerfen. Stattdessen erlaubt die zumindest mittelfristig ausgerichtete Profitorientierung der Sharing Economy, dass die avisierten enormen Potenziale tatsächlich auch nachhaltig realisiert werden können. Dafür braucht es neben der technischen Infrastruktur auch einen passenden Rechtsrahmen, der einen guten Kompromiss zwischen Innovationsförderung und dem Schutz von Normen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Solidargemeinschaft darstellt.

Inwiefern kann Sharing ein Geschäftsmodell für den Mittelstand sein?

Die aussichtsreichen Geschäftsmodelle der Sharing Economy zeigen innovative Schlagkraft und deutliche Überzeugung für die eigene Idee mit unternehmerischer Erfahrung, Kapitalzugang und Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette. Zudem geht es bei den Geschäftsmodellen der Sharing Economy nicht um ein altruistisches „Gutmenschentum“, sondern eben auch um eine zumindest mittelfristig orientierte Profitabilität und fundierte Branchenkenntnis. Dies spricht doch sehr unmittelbar die Kernkompetenzen an, die dem deutschen Mittelstand zuzusprechen sind. Daher ist durchaus naheliegend, dass sich der Mittelstand in diesem Bereich eigeninitiativ selbst engagiert oder auch Kooperation mit den innovativen Startups eingeht.

 

 

 

 

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