Junge Unternehmer besichtigen Feuerbacher Tiefbunker
Die Jungen Unternehmer im Tiefbunker in Stuttgart-Feuerbach. (Foto: Viktor Gies)

Junge Unternehmer besichtigen Feuerbacher Tiefbunker

Direkt dem Bahnhof Stuttgart-Feuerbach an der Stadtbahnhaltestelle steht ein niederes, unauffälliges Gebäude. Es beherbergt den Eingang zu einem der Tiefbunker Stuttgarts aus dem Zweiten  Weltkrieg. Der Verband „Die Jungen Unternehmer“ lud zu einer Besichtigung ein. Gemeinsam begab man sich auf einen Ausflug in die Geschichte.

Um die 20 Unternehmer, teilweise mit Familie, versammelten sich am 22. März um Rolf Zielfleisch und seinen Kollegen Künzel vom Verein Schutzbauten Stuttgart e.V., der sie durch den Bunker und eine längst vergangene Zeit führte. Der Tiefbunker wurde 1941 während des Zweiten Weltkriegs errichtet. 2.500 Personen fanden dort bei Luftalarm Unterschlupf. Nach dem Krieg wurde der Bunker als Behelfswohnraum von Stuttgartern genutzt, deren Häuser den Bomben zum Opfer gefallen waren. Später fanden dort Flüchtlinge eine Unterkunft. „Teilweise wohnten die Familien bis zu sieben Jahre hier“, erzählte Zielfleisch. „In der Schule wurden sie angefeindet. Die anderen Kinder sagten, sie würden nach Bunker riechen.“ In der Gemeinschaftsküche kann man noch sehen, mit welch schmalem Gepäck die Menschen in Feuerbach eintrafen. „Für die 76 Familien damals gab es acht Kochherde“, sagte Zielfleisch. Nach den Flüchtlingen wurden eine Zeitlang von Bosch und Schoch Gastarbeiter  einquartiert.

Atombunker und Soko-Schauplatz

Im Zuge des Kalten Krieges wurde der Bunker von 1971 bis 1974 umgebaut. Im Falle eines atomaren Angriffs sollte er 1.172 Menschen einen längeren Aufenthalt ermöglichen. Als die Gruppe sich auf den langen Sitzreihen mit Nackenstützen niederließ, erzählte Zielfleisch, dass manche Tiefgaragen und Stadtbahnhaltestellen in Stuttgart gleichzeitig als Luftschutzkeller konzipiert wurden. Doch heute seien alle außer Dienst. „Der Tiefbunker ist in Stuttgart das einzige noch funktionstüchtige Bauwerk aus den Zeiten des Kalten Krieges. Er steht unter Denkmalschutz und wird komplett vom Verein Schutzbauten Stuttgart e.V. unterhalten“, erläuterte Zielfleisch. Weiter ging es, vorbei an Dekontaminationsduschen. In den langen unterirdischen Gängen mit kleinen Zimmern auf jeder Seite, teilweise möbliert mit jeweils drei Stockbetten mit je drei Betten übereinander, kam schnell Beklemmung auf.

In einigen der so genannten Zellen hat der Verein eine kleine Ausstellung zusammengetragen, die das Überleben in einem Atombunker veranschaulichen soll: Wäscheleinen sind quer durch die Zellen gespannt, sogar die Wäsche an der Leine wurde nicht vergessen. Care-Pakete sind ebenso zu sehen wie Telefonzentrale und Vorräte. „Es waren kein Arzt und keine Medikamente vorgesehen“, erzählte Zielfleisch. „Aber ein Kinderbett hatten wir nur in Stuttgart. Das war damals einem Zufall zu verdanken. Ein Krankenhaus hatte falsche Kinderbetten bestellt.“ Windeln, Wochenbettpackungen, Wärmflaschen, Puder und vor allem Penaten-Creme wurden gelagert. „Penaten war extrem lagerfähig und sollte gegen alles helfen“, schmunzelte Zielfleisch. Auch Funk und Fernsehen entdeckten den Bunker für sich. Bereits 1981 gab es eine Sendung aus dem Bunker mit dem SWR. 2013 wurde eine Folge der „Soko Stuttgart“ dort gedreht und drei Jahre später die nächste.

Nicht vergessen

Im Juni 2006 hat der Verein den Bunker übernommen und veranstaltet heute Führungen nicht nur im Tiefbunker, sondern auch im nahegelegenen Spitzbunker und im Stollen. Seit 2009 gibt es im Tiefbunker auch kulturelle Veranstaltungen und einmal im Jahr eine Rocknacht. Der Verein ist stolz darauf, dass der Bunker komplett funktionsfähig ist, sogar 14.000 Liter Diesel für die Notstromversorgung sind noch vorrätig. „Wenn wir einmal im Jahr einen Testlauf machen, müssen wir vorher nicht nur die Feuerwehr informieren, sondern auch die Stuttgarter Straßenbahnen“, erzählte Zielfleisch. „Die Abgase kommen sozusagen direkt unter der Stadtbahnhaltestelle heraus. Da wurden von aufmerksamen Fahrgästen schon Brände gemeldet.“ Zum Abschluss der Führung wurde der heutige Veranstaltungsraum besichtigt, der für die Essensausgabe vorgesehen war. Dosenbrot, Hot Cans und Malventee stehen immer noch bereit.

Als es zurück an die Oberfläche ging, waren die meisten Teilnehmer der Führung doch recht nachdenklich und froh wieder ans Tageslicht zu kommen. Viele zückten den Geldbeutel für eine Spende, denn der Verein wird nicht von der öffentlichen Hand unterstützt, und wie Zielfleisch sagte: „Wir machen das hier, weil sonst die Geschichte verloren geht.“ ( -ap)

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