Vorträge mit Botschaften und Substanz
Über 200 Unternehmerinnen, Unternehmer und Gründer kamen zur 12. Familienunternehmer-Konferenz des Dr. Breitsohl-Verlags und des Unternehmermagazins Die News in der Alten Stuttgarter Reithalle. (Alle Fotos: Hanselmann)

Vorträge mit Botschaften und Substanz

In der Stuttgarter Alten Reithalle im Hotel Maritim wechselten sich bei der Familienunternehmer-Konferenz des Dr. Breitsohl-Verlags und des Unternehmermagazins „Die News“ am 13. Juli 2017 Redner und Unternehmer auf der Bühne ab, die etwas zu sagen hatten, die aus ihrer Erfahrung berichteten und gangbare Wege in die digitale Transformation zeigten. Es gibt zwar keinen Königsweg, keine Blaupause für alle, aber in Stuttgart gab es Vorschläge und Ansätze, die den eigenen Weg für Mittelständler und Familienunternehmen erleichtern können. Einer davon ist die Zusammenarbeit mit jungen Gründern und Start-ups. Dafür bot das Konferenzprogramm mit dem Finale der Start-up Pitch Competition, zahlreiche Möglichkeiten.

Dr. Hubertus Porschen: „Da rollt etwas auf uns zu“

Dr. Hubertus Porschen, IT-Unternehmer und Bundesvorsitzender des Verbands „Die Jungen Unternehmer“, machte den Anfang und ließ seine Zuhörer begeistert und ein bisschen atemlos zurück. Mit der Digitalisierungsspirale führte er dem Publikum vor Augen, wie sich die Gewichte durch die Digitalisierung verschieben werden. So werden Daten und Informationen zum Rohstoff, der die Wirtschaft antreibt, etablierte Industrien werden neu erfunden und die Schwellenländer werden Europa überflügeln. „Da rollt so richtig etwas auf uns zu“, sagte Porschen. „Die Macht verschiebt sich vom Verkäufer zur Plattform. Die Kundenschnittstelle geht verloren.“ Trotzdem sei Deutschland mit seinem Mittelstand und den Hidden Champions gut aufgestellt, aber die Politik müsse die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass der Sprung in die digitalisierte Welt gelinge. Dazu gehöre vor allem der flächendeckende Glasfaserausbau: „Im ländlichen Raum sind nur 1,2 Prozent der Breitbandverbindungen Glasfaser. Bestimmte Geschäftsmodelle sind damit gar nicht realisierbar“, wetterte der Unternehmer. Hart ging er auch mit dem Bildungssektor ins Gericht. Veraltete Lehrpläne sorgten dafür, dass kritisches Denken, Eigenständigkeit, Kreativität und Neugier zu kurz kämen. „Lehrer müssen mit der Lebenswirklichkeit der Digitalisierung vertraut gemacht werden und jeder Schüler muss die Möglichkeit haben, programmieren zu lernen“, forderte Porschen. Darüber hinaus mahnte er bessere Rahmenbedingungen für Gründer, Anpassung des Arbeitsrechts („das Arbeitsrecht ist in der Industrialisierung stehen geblieben“) und mehr Sicherheit im Netz an. „Der bürokratische Aufwand für eine Unternehmensgründung darf nicht mehr als einen Arbeitstag in Anspruch nehmen!“, rief er unter Beifall ins Publikum.

Dr. Bertram Kandziora: „Disruptive Geschäftsmodelle nicht unterschätzen“

Nach Porschen betrat Dr. Bertram Kandziora, Vorstandsvorsitzender der Stihl AG, das Podium. Mit seinem Vortrag „Beschleunigt in die Zukunft. Wie der Weltmarktführer den digitalen Wandel vorantreibt“, machte er deutlich, dass auch ein über 90 Jahre altes Familienunternehmen zur Veränderung fähig ist.  Mit großer Klarheit schilderte Kandziora den Weg, den das Unternehmen geht. „Die klassischen Wachstumsfelder sind bei uns neue Produkte, neue Händler, neue Märkte und neue Kunden. Daneben haben wir fünf Digitalisierungsfelder abgesteckt“,  erläuterte der Vorstandsvorsitzende. „Die Digitalisierung der sekundären und der primären Wertkette, die digitale Kundeninteraktion, digitale Produkte und digitale Geschäftsmodelle. Die drei letzten Felder haben ein höheres Potenzial, aber auch ein höheres Gefährdungspotenzial.“ Als Beispiele für digitale Geschäftsmodelle nannte Kandziora unter anderem Flottenmanagement, Arbeitssicherheit, Arbeitsunterstützung zum Beispiel für Forstarbeiter – Stichwort virtueller Wald. Er betonte, dass man sich davor hüten müsse, disruptive Geschäftsmodelle zu unterschätzen. „Man muss schnell an digitales Brachland herangehen“, mahnte Kandziora. Dafür müsse sich die IT in ihrem Selbstverständnis ändern.

Bei Stihl gehe man auf verschiedenen Wegen an die digitale Unternehmensentwicklung heran. Interne Lösungen, Beteiligungen, Anwendung von Start-up-Methoden und die Beteiligung an einem Hightech-Gründerfonds seien Wege, die man gehe. „Wir möchten einen Pioniergeist im Unternehmen etablieren“, sagte der Stihl-Chef. „Deshalb arbeiten wir nach dem Prinzip ‚search – learn – experiment‘. Wir bringen Start-up- und Corporate-Talente in Teams zusammen, die  Geschäftsideen in 14-tägigen Sprints entwickeln.“

Prof. Dr. Arnold Weissman: „Veränderung ist eine Frage der Haltung“

Familienunternehmen und Start-ups seien eine wunderbare Allianz, ist der Nürnberger Strategieberater überzeugt: „Wir brauchen eine neue Kultur des ‚Ja, und‘ statt des ‚Ja, aber‘ und das können etablierte Unternehmen von den jungen Start-ups lernen. Diese wiederum brauchen die Werte, die Erfahrung und das Können der reifen Unternehmen.“ Die Digitalisierung sei für Familienunternehmen eine ganz große Reise, die in eine traditionserhaltende Erneuerung münden müsse. Doch sei es ein Unterschied, ob man mit einem großen Schiff den Kurs ändere oder mit einem kleinen. „Familienunternehmen tragen Verantwortung, ein junger Wilder braucht keine Rücksichten zu nehmen“, sagte Weissman. „Die Welle, die aus dem Silicon Valley auf uns zurollt – Unternehmen zu gründen, um sie dann an Google zu verkaufen, ist keine Option für Familienunternehmen, die oft schon über Generationen bestehen.“

Familienunternehmen müssten überlegen, was für sie relevant sei. „Erfolgreiche Unternehmen haben schon immer Nutzen verkauft. Die Digitalisierung mit ihrer Daten- und Informationsfülle sowie ihren Algorithmen hilft uns dabei, die pain points, den Engpass des Kunden besser zu erkennen und zu verstehen, damit wir ein radikal-ideales Nutzenversprechen abgeben können. Die Frage ist, welchen Nutzen wir dem Kunden bieten können, damit er uns seine Daten überlässt“, sagte der Professor. Er zeigte sich überzeugt, dass angewandte Künstliche Intelligenz künftig das Herzstück des Wohlstands sein werde.

Von den Start-ups könnten Familienunternehmen lernen, alles infrage zu stellen. „Die hierarchische Welt ist tot“, sagte Weissman. „Unternehmen müssen künftig Abenteuerspielplätze für reife Erwachsene werden.“ Allerdings sei eine klare strategische Orientierung nach wie vor nötig. „Fragen Sie sich, was ihr Unternehmen in sieben Jahren können muss. Strategieentwicklung ist kein Projekt, sondern ein Prozess. Schaffen Sie für diesen Prozess Rituale. Damit können Sie den Menschen ihre Ängste vor der Veränderung nehmen. Und lernen Sie von den Start-ups, gehen Sie respektvoll miteinander um und bleiben Sie auf dem Teppich. Erlauben Sie sich und ihren Mitarbeitern zu scheitern, etwas falsch zu machen“, empfahl Weissman seinen Zuhörern. „Denken Sie daran: Kultur kann man nicht managen, das ist als ob Sie Pudding an die Wand nageln wollten.  Verbiegen Sie sich nicht, aber seien Sie bereit, zu lernen. Veränderung ist eine Frage der Haltung.“ Bei der strategischen Entwicklung des Unternehmens, so Weissman, müsse man unbedingt auf die Qualität der Führungskräfte der zweiten Ebene achten. Wenn diese sich bedroht fühlten oder nur auf den eigenen Vorteil bedacht seien, gäbe es Probleme.  „Einige Menschen träumen, andere tun etwas, wir müssen beides tun“, gab Weissman seinen Zuhörern mit auf den Weg. „Akzeptieren Sie Veränderung als Freund.“

Philipp Depiereux: „Geschützter Raum zum Testen und Scheitern“

Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer von Etventure, Digitalberatung und Start-up-Schmiede, führte den Zuhörern unbekümmert und überzeugt vor, welche Defizite die Unternehmen in Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung noch zu überwinden haben. Er stellte die Konkurrenz von morgen vor: digitale Giganten und agile Start-ups. Mit ihren Stärken wie hohe Risikofreudigkeit, extreme Testmentalität, maximale Nutzerzentrierung und hohe Datenexpertise, High-Speed-Umsetzung und langfristige Radikalität würden sie alle Branchen bedrohen, die einen früher, die anderen später. Es sei höchste Zeit für die Unternehmen, neue Geschäftsmodelle zu finden, um nicht den  Weg der Musikindustrie gehen zu müssen. Dabei könnten gerade Familienunternehmen mit ihrer Stärke pfunden: „Die Kunden vertrauen ihnen“, sagte Depiereux. Und er machte klar: „Die digitale Transformation ist kein Thema der IT-Abteilung, sondern eine unternehmerische Führungsaufgabe.“

Für Depiereux ist klar, dass sich nicht die gesamte Kernorganisation auf einen Rutsch transformieren lässt. „Das kann durchaus mehrere Jahre dauern. Während dieser Zeit muss die Organisation weiter im Kern funktionieren. Auch die bisherige IT wird natürlich weiterhin gebraucht, um die internen IT-Vorhaben weiter fortzuführen und im geschützten Raum validierte Produkte und Prototypen perfekt in die Organisation zu implementieren“, sagt er. „Parallel dazu operiert die Digital-Einheit mit internen und externen Mitgliedern in einem geschützten Raum, in dem Testen und  Scheitern erlaubt sind. Sie startet greifbare Leuchtturm-Projekte mit schnellen, sichtbaren Ergebnissen. Die ersten Erfolge aus einer solchen Digital-Einheit wirken als Initialzündung und müssen aktiv dafür genutzt werden, um sukzessive auch die Kernorganisation für die Digitalisierung zu begeistern.“ Botschafter aus der Digital-Einheit, intensive Schulungsprogramme, Ideenworkshops, seien geeignete Mittel, damit sich die Kultur Schritt für Schritt ändern könne. „In Zukunft brauchen Unternehmen Menschen, die den Wandel begrüßen und keine Menschen mit Bewahrermentalität. Wir helfen dabei, die Bewahrerorganisation zu öffnen. Wenn Mitarbeiter sehen, wie die Transformation funktioniert, erleben, wie sich Freiräume anfühlen, öffnen sie sich für die Veränderung.“ Am Beispiel Klöckner.i. zeigte der Etventure-CEO, dass die Transformation mit Hilfe von außen sogar in einer extrem traditionellen Branche wie dem Stahlhandel funktioniert.

Dagmar Fritz-Kramer: „Die Baubranche hat viel nachzuholen“

Bezüglich der Digitalisierung sei die Baubranche ein Dinosaurier, der viel nachzuholen habe, eröffnete Dagmar Fritz-Kramer, geschäftsführende Gesellschafterin der Baufritz GmbH & Co. KG aus Erkheim, ihren  Vortrag. Sie führt das 120 Jahre alte Unternehmen in vierter Generation seit 2004 und hat es zielstrebig zum Ökohaus-Pionier umgebaut. Eine schwere Erkrankung ihrer Mutter habe das Verständnis der Familie für die Themen Hausbau und Gesundheit geprägt, erzählte die Unternehmerin. Heute werde jedes der Holzhäuser bevor es übergeben werde, auf Schadstoffe gemessen und man beschäftige 25 Baubiologen.

„Die Digitalisierung verändert die Lebenswelt und den Lebenswandel der Menschen“, ist Fritz-Kramer überzeugt. „Wir beobachten sehr genau den sozialen und ökonomischen Wandel. Umwelt, Gesundheit und Technologie sind Themen, die auch die Lebenswelt der Menschen und ihre Ansprüche verändern.“ Ihr gehe es um „Nachhaltigkeit: People, Planet, Profit.“ Menschen und Erde zu schützen dürfe nicht bedeuten, auf Ertrag zu verzichten. „Wir möchten Geld verdienen und wachsen, aber nicht zu Lasten eines anderen“, präzisierte die Unternehmerin. „Wir verhalten uns verantwortlich für alle an der Produktkette Beteiligten. Dabei gilt das Prinzip refuse, reduce, repair, recycle. Die Sharing Kultur bietet dafür neue Möglichkeiten.“ Ohne Achtsamkeit gebe es keine Nachhaltigkeitsstrategie und nur so tun als ob, sei nicht erlaubt. Es sei noch ein weiter Weg zu gehen. „Von 100 Schritten haben wir vielleicht zehn gemacht“, sagte die Unternehmerin. „Ein Haus wie ein Baum bleibt leider noch ein Wunschtraum.“ (-ap)

Die 12. Familienunternehmer-Konferenz im Video-Rückblick

Motto: Mut zum Risiko - verändern oder untergehen

Impressionen 12. Familienunternehmer-Konferenz

Video-Impressionen von der Familienunternehmer-Konferenz am 13. Juli in Stuttgart
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