Die Besten in Ludwigsburg: Veranstaltung mit Wow-Effekt
Die Veranstaltung der Akademie der Weltmarktführer in Ludwigsburg bot spannende Einblicke in die Veränderungen, denen sich Mittelständler und Familienunternehmen derzeit gegenüber sehen. (Alle Fotos: ADWM)

Die Besten in Ludwigsburg: Veranstaltung mit Wow-Effekt

Dr. Walter Döring mit seiner Akademie Deutscher Weltmarktführer hat es einmal mehr geschafft: Zusammen mit dem Senat der Wirtschaft stellte er am 5. Mai im Schlosshotel Monrepos in Ludwigsburg eine Veranstaltung auf die Beine, die einen Blick über den Tellerrand hinaus bot. Für die Teilnehmer gab es Einblicke in die digitale Zukunft und wie sich deutsche Mittelständler auf den Weg dorthin machen. Bemerkenswert: Die Redner von Schunk, GFT, Recaro und Würth waren zwar sichtlich stolz auf ihre Unternehmen, aber durchaus bescheiden hinsichtlich ihrer Fortschritte bei der digitalen Transformation.

Digitize or die

Einen Wow-Effekt, beim einen oder anderen auch blankes Entsetzen, rief der Vortrag von Philipp Depiereux von Etventure hervor. Unbekümmert und überzeugt führte der Transformationsberater vor, welche Defizite die Unternehmen in Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung noch zu überwinden haben. Für die Zeitschiene seines Vorredners von Porsche hatte er nur ein müdes Lächeln übrig. Depiereux stellte die Konkurrenz von morgen vor: digitale Giganten und agile Start-ups. Mit ihren Stärken wie hohe Risikofreudigkeit, extreme Testmentalität, maximale Nutzerzentrierung und hohe Datenexpertise, High-Speed-Umsetzung und langfristige Radikalität würden sie alle Branchen bedrohen, die einen früher, die anderen später. Es sei höchste Zeit für die Unternehmen, neue Geschäftsmodelle zu finden, um nicht den  Weg der Musikindustrie gehen zu müssen. Dabei könnten gerade Familienunternehmen mit ihrer Stärke pfunden: „Die Kunden vertrauen ihnen“, sagte Depiereux. Und er machte klar: „Die digitale Transformation ist kein Thema der IT-Abteilung, sondern eine unternehmerische Führungsaufgabe.“ Man könne nicht von heute auf morgen das gesamte Unternehmen transformieren, sagte der Berater. „Schaffen Sie einen geschützten Raum für eine Digitaleinheit aus externen und internen Mitgliedern. Sie soll sich um die ‚Painpoints‘ der Kunden kümmern und neue Ideen entwickeln. Wenn Sie mit realen Ergebnissen in die Kernorganisation gehen, wird die Transformation einfacher.“ Am Beispiel Klöckner.i. zeigte der Etventure-CEO, dass die Transformation mit Hilfe von außen sogar in einer extrem traditionellen Branche wie dem Stahlhandel funktioniert.

Nicht zu lange rumquatschen

Prof. Markus Glück, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung bei der Henrik A. Schunk GmbH & Co. KG, Hersteller von Greifsystemen, beschrieb den Weg zwischen Mechanik und Digitalisierung. Das Familienunternehmen müsse zuverlässiges Greifen und Spannen in die Welt der Daten überführen. Es sei nicht sinnvoll, alles in Frage zu stellen, aber man müsse neue Wege gehen. Das Spielfeld von morgen sei die intelligente Fabrik. Es gehe nicht um die Zusammenarbeit von analogen und digitalen Systemen, sondern um einen lernenden autonomen Komponentenverbund, sagte Glück. „Wir müssen es schaffen, zusätzlich zum geschlossenen System einen zweiten Kanal aufzubauen zur öffentlichen digitalen Welt.“

Ulrich Dietz, CEO der GFT Technologies SE empfahl, nicht zu lange „rumzuquatschen“, sondern zu machen. Damit war er auf einer Linie mit Dr. Mark Hiller, CEO von Recaro Aircraft Seating, der beschrieb, wie man die Krise 2008/2009 zur Neuaufstellung nutzte. „Wir haben das Thema Lean als Führungsphilosophie entwickelt. Unter anderem haben wir den Innovationsprozess umgestellt. Früher waren nur zehn Prozent unserer Produkte jünger als drei Jahre, heute sind es 40 Prozent. 50 Prozent der Mitarbeiter in der Entwicklung haben ein neues Aufgabengebiet. Der Innovationsprozess findet auf Plattformen statt. Mit den Airlines tauschen wir uns über die Zukunft des Fliegens aus anstatt auf einen Kundenauftrag mit seinen Spezifikationen zu warten.“

„Vertrieb im Zeitalter der Digitalisierung“ war das Thema von Robert Friedmann, Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe. Die Gruppe mache heute 14,7 Prozent ihres Umsatzes online, sagte Friedmann. Die Potenzialausschöpfung sei sechsmal höher, wenn im Vertrieb alle verfügbaren Kanäle genutzt würden. Der Verkäufer habe die Aufgabe, den Kunden zu befähigen, mit den nötigen Technologien umzugehen. „Digitalisierung ist nicht sexy, sondern muss Wertschöpfung bringen“, sagte Friedmann und: „Der digitale Krieg wird analog entschieden.“ Mit zunehmender Komplexität würden Führungstechnik und -kultur immer wichtiger. Letztlich mache der Mensch den Unterschied.

Die Systemfrage ist noch nicht erledigt

Mit der baden-württembergischen Bildungsministerin Dr. Susanne Eisenmann, US-Botschaftsrat Clark Price und Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert hatte Veranstalter Döring drei Themen gesetzt, die bei den Unternehmern auf starkes Interesse trafen: Wie bekommen wir die besten Fachkräfte? Setzt Donald Trump tatsächlich auf Protektionismus? Was tun gegen den Vertrauensverlust der Bevölkerung in das demokratische System? – auch wenn Lammert seinen Beitrag niemals so banal betiteln würde.

Eisenmann redete Klartext: „Es geht um Qualität und Leistungsfähigkeit. Es muss Ziele für alle Abschlüsse geben. Ich will wissen, was hinten rauskommt“, sagte die Ministerin. Sie sprach sich außerdem für die Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung aus. „Warum denkt die Wirtschaft, dass die Realschule als Abschluss für eine Ausbildung nicht ausreicht“, provozierte sie ihre Zuhörer.  Price, Leiter der Wirtschaftsabteilung der USA in Deutschland, konnte zwar nicht viel Erhellendes zu Trumps konkreten Absichten beitragen, aber es gelang ihm, zu erklären, was Trumps Wähler erwarten: sie in einer verrückten Welt mitzunehmen und für Arbeit zu sorgen.

Mit „Wirtschaftsethik in Zeiten der Globalisierung“ hatte sich Lammert kein einfaches Thema gesetzt. Er sagte, eine Gesellschaft, die Verhaltensregeln in Gesetze fassen und damit Fehlverhalten auch sanktionieren müsse, sei eigentlich gescheitert. Eine Neuvermessung des Verhältnisses von Politik und Ökonomie sei dringend notwendig. Die Neujustierung müsse in systematischer Weise in Angriff genommen werden. Märkte seien nicht mehr national eingrenzbar. Europa sei nicht mehr der Nabel der Welt, in dem „wir die Geschäftsbedingungen bestimmen“. Die Kernfrage von Lammerts Vortrag aber war möglicherweise: „Wie soll eine Gesellschaft funktionieren, in der jedes Vertrauen verloren geht?“ Außer der Feuerwehr seien doch alle gesellschaftlichen Institutionen von einem massiven Vertrauensverlust betroffen. Lammert sagte, die Probleme würden bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen beginnen in einem Leistungszusammenhang. „Die zunehmend aus dem Lot geratene Einkommens- und Vermögenszuordnung ist eine tickende Zeitbombe unserer Gesellschaft“, betonte er.  (-ap)

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