Familien-Unternehmertag: „Nicht labern – machen“
Zahlreiche Unternehmer kamen wieder zum Familien-Unternehmertag in den Schindlerhof in Nürnberg. Alle Fotos: Hendrik Fuchs

Familien-Unternehmertag: „Nicht labern – machen“

Nicht nur die Digitalisierung, sondern auch die Globalisierung stellt deutsche Familienunternehmen vor nie da gewesene Herausforderungen. Auf dem Familien-Unternehmertag des Weissman-Instituts gab es Mitte Mai hierzu zahlreiche Anregungen.

Schon alleine das Wort „Digitalisierung“ sorgt bei vielen Unternehmen für großes Unbehagen und Ängste. Doch alle Referenten des Unternehmertags waren sich darüber einig, die dadurch bedingten, teils massiven Umbrüche als Chance und nicht als Gefahr zu sehen. Dr. Jörg Ehmer, Chef des Optik-Spezialisten Apollo, empfahl den zahlreich erschienen Unternehmern, auf der einen Seite, die umwälzenden Veränderungen in „rasender Geschwindigkeit“ nicht zu unterschätzen und am „Puls der Zeit zu sein“, aber andererseits „die Souveränität zu haben, nicht alles mitzumachen und erst einmal darüber nachzudenken“. „Die Erwartungshaltung der Kunden ist inzwischen eine völlig andere“, sagte der CEO. Das gelte im B2C- sowie im B2B-Bereich gleichermaßen. Ehmer appellierte daher für eine hohe Exzellenz im Kundenservice, die neue Maßstäbe setzen müsse. Zudem müsse man sein Ansprechverhalten ändern, um jüngere Zielgruppen zu erreichen. „Ein Account bei Facebook reicht da heute bei Weitem nicht mehr aus, denn die jungen Leute sind inzwischen auf ganz anderen Plattformen unterwegs. Es braucht also jemanden, der in diesen Zielgruppen über einen positiv spricht – im Idealfall eigene junge Mitarbeiter, die wissen, wie ihre Generation tickt.“ Mit Verweis auf die aktuelle Shell-Studie machte er auf die Verschiebung von Werten bei jungen Menschen aufmerksam. „Junge Menschen fordern Respekt und Wertschätzung von Seiten des Unternehmens ein, von Demut gegenüber Vorgesetzten keine Spur, die Loyalität wird weiter zurückgefahren. Darüber kann man sich natürlich ärgern, doch dann wird man bei der Suche nach jungen Fachkräften scheitern“, warnte der Unternehmer. Wichtig sei es daher, nach Möglichkeiten zu suchen, seine Wertemaßstäbe der Entwicklung anzupassen.“

Bei schönem Wetter nach dem Eisberg schauen

Der Eröffnungsvortrag war eine ideale Vorlage für die Ausführungen von Prof. Dr. Arnold Weissman. „Wir brauchen den Mut, uns ständig neu zu erfinden. Dabei dürfen wir Trends nicht hinterherlaufen, sondern müssen den Wandel aktiv mitgestalten“, betonte der Strategieexperte und ergänzte: „Change ist Haltung.“ Von zentraler Bedeutung ist es laut Weissman, frühzeitig Annahmen über künftige Kompetenzen aufgrund von Mustern und Strukturen treffen zu können, um auf dem Markt weiterhin erfolgreich zu sein. „Schauen Sie wie ein guter Kapitän schon bei schönem Wetter nach dem Eisberg.“ Der gezielten Aufbereitung und Nutzung von Daten komme hierfür eine zentrale Rolle zu. „So können Unternehmen Schlagworte wie Industrie 4.0 und Losgröße 1 mit Inhalten füllen. Denn je mehr Daten wir haben, desto besser werden die Lösungen.“ Wie entsprechende Daten übersichtlich aufbereitet werden sollten, um klare Aussagen treffen zu können, erfuhren die Teilnehmer am nächsten Morgen von Benjamin Weissman, Geschäftsführer der Solisyon GmbH. „Viele Unternehmen stehen vor dem Problem, dass im Wust der gesammelten Daten die wirklich wertvollen Informationen verlorengehen. Daher kommt der gezielten Visualisierung große Bedeutung zu.“ Anhand eines Beispiels machte er deutlich, wie sich mit wenigen Handgriffen eine unübersichtliche Datentapete in eine aussagekräftige Tabelle verwandeln lässt. Da wurden zum Beispiel wichtige Zeilen markiert, Nachkommastellen gekürzt und Zwischensummen eingebaut. Von Balkendiagrammen riet der Experte ab, da man damit „unendlich einfach betrügen könne“ – bei Tortendiagrammen empfahl er, auf den 3D-Effekt zu verzichten, da dieser perspektivisch den Eindruck verfälsche. „Versuchen Sie bei Liniendiagrammen nicht alle Infos reinzuhauen, sondern nur diejenigen Daten, die für eine Aussage entscheidend sind. Weniger Linien machen dann die Handhabung wesentlich einfacher.“

Leben in einer revolutionären Zeit

„Die Welt verändert sich und wir verändern uns mit ihr“, war das Leitzitat des Vortrags von Prof. Dr. Peter May von der Peter May Family Business Consulting GmbH. „Doch tun wir es schnell genug?“, fragte der Gründer des Intes-Instituts in die Runde. Was den heutigen Wandel besonders machen würde, sei, das mehrere Entwicklungsschritte zur gleichen Zeit stattfänden, etwa die Digitalisierung und die Globalisierung und, dass das Individuum über der Gemeinschaft stehe. „Unsicherheit ist ein zentrales Gefühl unserer Zeit. Daher ist es umso wichtiger den Wandel aktiv mitzugestalten, wie es dem deutschen Mittelstand bei der Globalisierung gelungen ist. Eine seine Empfehlung an das Publikum war, das eigene Geschäftsmodell einmal torpedieren zu lassen und daraus Rückschlüsse für die künftige Ausrichtung zu ziehen. Er appellierte für ein stärkeres Miteinander von Alt und Jung, bei dem erstmals die älteren Generationen mehr von den jüngeren lernen können. „Unternehmen müssen sich darüber klar werden, dass es heute drei erfolgreiche Produkte braucht, damit eine Firma über eine Generation Bestand hat. Früher war es genau umgekehrt. Das erfordert ein ganz anderes Denken und Handeln.“

Unternehmertum im Blut

Steckt es einem in den Genen, Unternehmer zu werden? Bei Jacob Fatih, Gründer der Fitnesskette „FitX“, scheint das so, wie in seinem Vortrag deutlich wurde. Bereits als Jugendlicher im Iran machte er erste „unternehmerische Schritte“ als Züchter von Kanarienvögeln, als Besitzer eines Kampfhahns oder mit dem Vertrieb von eigens kopierter westlicher Musik. 1998 musste er als politisch Verfolgter aus seinem Heimatland fliehen und landete über Umwege in Deutschland. Was mit kleineren Jobs, etwa im Servicebereich, anfing, nahm mehr und mehr den Weg in Richtung Selbstständigkeit. In einer Fitnesskette arbeitet sich Fatih als Fitnesstrainer hoch und gründete dann zuerst eine Immobilienfirma. Erst 2009 eröffnete er das erste „FitX“-Studio in Essen. Inzwischen sind daraus bundesweit 53 geworden. „Mein Credo ‚dankbar sein‘ und meine Lebenseinstellung, Positives zu tun, anderen eine Freude zu bereiten, und meine Fähigkeiten, andere für Dinge zu begeistern und sie zu pushen, haben mir dabei geholfen, all dies zu erreichen“, sagte Fatih, dessen emotionaler Vortrag mit Standing Ovations belohnt wurde.

Nicht weniger beeindruckend war der Vortrag über die Geschichte von Flixbus, sehr lebhaft vorgetragen von Mitgründer Daniel Krauß. Dank der Liberalisierung des Buslinienfernverkehrs konnte sich das Start-up innerhalb kürzester Zeit einen lukrativen Markt erschließen. „Busfahren war eigentlich früher immer unsexy. Jetzt fährt man wieder Bus, weil es cool ist“, erzählte Krauß. An Bord der grünen Busse gibt es Internetanschluss, wird großer Wert auf freundliche Fahrer, Sauberkeit und genügend Platz gelegt. Das Unternehmen selbst verfügt aber über keinen einzigen Bus, sondern arbeitet mit mittelständischen Busunternehmen zusammen. Inzwischen fahren die rund 1.000 Busse rund 1.000 Ziele in 22 Ländern an, Tendenz stark steigend. Flixbus ist für die Plattform, also die Technologie und den Service verantwortlich. Letzterer liegt den Gründern besonders am Herzen: „Elementar ist es zu hören, was die Kunden wollen und Dinge besser zu machen, die andere, etwa die Deutsche Bahn, nicht so gut hinbekommen. Daher sind Transparenz, Einfachheit und Flexibilität bei uns oberstes Gebot. Zudem wird vieles ausprobiert und auch Unausgereiftes am Kunden getestet. ‚Nicht lange labern, sondern machen‘ ist da unsere Devise.

Mit gemeinsamer Vision zum Ziel

Zum Abschluss gab es eine spannende Podiumsdiskussion zum Thema „Unternehmensnachfolge“, bei der Arnold und Moritz Weissman, Nicole, deren Sohn Max und Klaus Kobjoll vom Schindlerhof, sowie Herbert und Niklas Zötler von der Privat-Brauerei Zötler erzählten, wie sie die Nachfolge hinbekommen haben. Moderiert wurde die Runde von Marcel Megerle, Experte für Unternehmensnachfolge. Für Nicole Kobjoll ist vor allem das Vertrauen zwischen Übergeber und Nachfolger eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Nachfolge. Zudem müsse den Nachfolgern Raum und Zeit gegeben werden, eigene Spuren zu hinterlassen. Ihr Vater Klaus Kobjoll empfahl, mit einem Projekt den Nachfolger an das Unternehmen heranzuführen und ihm dabei nicht hineinzureden. Vater und Sohn Zötler, Inhaber der weltweit ältesten Familien-Brauerei und bereits in der 20. und 21. Generation, betonten, dass es einer gemeinsamen Vision bedürfe, wo die Reise hingehen soll. „So konnte mein Vater leichter loslassen“, sagt Niklas Zötler und ihm habe die Strategie wichtige Leitplanken vorgegeben. Einig waren sich alle Beteiligten darüber, dass der frühzeitigen und permanenten Kommunikation zwischen den Parteien eine zentrale Rolle zukomme und der Übergeber Unternehmertum positiv vorleben müsse und keinen Druck auf seine Kinder ausüben dürfe. (-hf)

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