Zu wenig Start-ups in Stuttgart: Es liegt nicht nur am Geld
Im Leitz-Areal in Stuttgart-Feuerbach diskutierte eine Expertenrunde über das Thema Start-up-Finanzierung: Dr. Helmut Schönenberger, Dr. Helmut Schelling, Dr. Claus Schmidt, Heiner Scholz, Dr. Stefan Kaufmann, Katrin Schütz (v.l.). (Foto: Wirtschaftsrat)

Zu wenig Start-ups in Stuttgart: Es liegt nicht nur am Geld

Beim 4. Innovationspolitischen Frühstück des Landesverbands Baden-Württemberg des Wirtschaftsrats der CDU Anfang April 2017 standen die Themen Finanzierung von Start-ups und Venture Capital im Mittelpunkt. Doch es liegt wohl nicht nur am fehlenden Kapital, wenn es Kreative und Start-ups eher nach Berlin als nach Stuttgart zieht. Das Verständnis für die Belange von Start-ups fehlt mancherorts ebenso wie der Mut vieler mittelständischer Familienunternehmen, sich auf die digitalen  Newcomer einzulassen. In dieser Hinsicht sind die großen Konzerne und auch große Familienunternehmen schon weiter als KMU.

Joachim Rudolph, Landesvorsitzender des Wirtschaftsrats, betonte in seiner Begrüßung, dass der Wirtschaftsrat es als seine Aufgabe betrachte, Sprachrohr für die nächste Generation von Unternehmern zu sein und deshalb eine umfassende Agenda zu den Themen Innovation und Start-ups aufgestellt habe. Es gelte, Perspektiven für die digitale Wirtschaft zu entwickeln. Gastgeber Heiner Scholz, Gründer und Geschäftsführer der Dexina GmbH aus Böblingen, die das ehemalige Leitz-Gelände, auf dem die Veranstaltung stattfand, zu einem Arbeitsplatz der Zukunft entwickelt, machte darauf aufmerksam, dass es vieler Partner bedürfe, um Stuttgart und die Region für Start-ups attraktiv zu machen.

Gekleckert statt geklotzt

Dr. Stefan Kaufmann, MdB und Initiator des Innovationspolitischen Frühstücks, betonte ebenso wie die Staatssekretärin im baden-württembergischen Wirtschaftsministerium, Katrin Schütz, dass es mittlerweile viele Möglichkeiten für junge Unternehmen gebe, an Geld zu kommen. Firmen wie die LBBW, Mahle, Vector und Trumpf würden inzwischen Corporate Venture Capital anbieten. Das Land habe mittlerweile auch einen Fonds speziell für Start-ups aufgelegt. Allerdings, so Kaufmann, sei die  Ausstattung des Fonds mit fünf Millionen Euro kläglich. In Bayern habe man dafür immerhin 30 Millionen aufgebracht. Schütz, selbst aus einem Familienunternehmen stammend, sieht das durchaus, hofft aber, dass der Fonds durch die Beteiligung von Unternehmen noch wächst.

Ansonsten war die Staatssekretärin bemüht, zu erläutern, dass das Land viel tue, um die Gründungsdynamik zu erhöhen, aber die Zusammenarbeit aller Beteiligten nötig wäre, solle das Unterfangen Erfolg haben. Es komme darauf an, die Gründerszene sichtbar zu machen und besser zu kommunizieren. Auf die Forderung nach  steuerlicher Entlastung  im Zusammenhang mit VC-Kapital ging Schütz nicht näher ein. Dagegen betonte sie die Wichtigkeit von Vernetzung. Und man möge doch nicht vernachlässigen, dass sich auf lokaler Ebene viel tue und auch das Matchmaking funktioniere. Man müsse jedoch den Kreis erweitern.   „Wir können und wollen das Engagement privater Investoren nicht ersetzen“, betonte die Staatssekretärin. Kaufmann versicherte, auf bundespolitischer Ebene arbeite man an der steuerlichen Förderung. Mit Ergebnissen sei allerdings erst in der nächsten Legislaturperiode zu rechnen.

Feinstaub verdeckt Innovation

Kaufmann sagte, eigentlich seien die Voraussetzungen in Stuttgart für eine lebhafte Start-up-Szene durchaus gut. „Unsere Stärke ist die Anbindung an die industrielle Basis“, sagte der Abgeordnete. „Ein Standort muss jedoch attraktiv für junge Leute sein. Nicht nur die Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum zählt, sondern auch das Image einer Stadt.“ Stuttgart sei in der Öffentlichkeit vor allem als Stau- und Feinstaubmetropole bekannt. Die kreativen Köpfe zöge es nicht zuletzt deshalb eher nach Berlin. „Stuttgart ist eine Stadt der Innovation, der Forschung und der Industrie. Doch wenn asiatische Besucher schon nachfragen, ob sie für einen Besuch in Stuttgart Atemschutzmasken brauchen, sind wir auch für die klugen Köpfe nicht interessant“, wetterte Kaufmann.

„Die Zeit spielt gegen uns“

Mit Dr. Helmut Schönenberger, Geschäftsführer der Unternehmer TUM GmbH an der TU München, Dr. Claus Schmidt, Geschäftsführer von CS Inno Consultants aus Stuttgart, und Dr. Helmut Schelling, Gründer und Geschäftsführer der Vector Informatik aus Stuttgart, traten die Praktiker ans Mikrofon. Schönenberger führt das größte Gründerzentrum Bayerns, aus dem zum Beispiel Flixbus hervorging. Das Unternehmen wurde von vier jungen Leuten gegründet, macht heute, nach vier Jahren, eine halbe Milliarde Umsatz und beschäftigt über 1.000 Menschen. „Was habt ihr in Stuttgart in den vergangenen 15 Jahren gemacht?“, provozierte Schönenberger die Zuhörer. „Stuttgart müsste eigentlich das größte Gründerzentrum Europas sein. Ihr könnt euch keine Zeit lassen. Die Zeit spielt gegen uns. Wer vorne mitspielen will, muss rennen.“ Rund 100 Projekte betreut Schönenberger mit seinen Mitarbeitern pro Jahr, daraus gehen 50 Gründungen hervor. 30 von ihnen erhalten Venture Capital. „Wir sind eine Maschine für die Bildung von Start-ups“, sagte der Redner selbstbewusst. „Bei der Finanzierung unterstützen Pilotkunden, Netzwerke, Business Angels und VC-Geber bis ins Silicon Valley.“ Schönenberger unterstrich, dass die Finanzierung wichtig sei. „Doch sie müssen auch ans Netzwerk denken. Etablierte Unternehmen müssen gegenüber der Förderung von jungen Menschen und Unternehmen aufgeschlossener werden.“

Massenhaft Start-ups nötig

Schmidt, ehemals zuständig für den VC-Fonds der Firma Bosch, erklärte, was Risikokapital bedeutet und was der Unterschied zwischen VC-Gesellschaften und Corporate VC ist. „Die großen VC-Fonds sind getrieben durch den finanziellen Erfolg, Unternehmen investieren eher aus strategischer Sicht“, sagte der Experte. In den USA gehe man mehr Risiken ein als in Europa. Man investiere dort in zehn Start-ups statt in eines und wenn eines erfolgreich sei, mache es alle anderen Verluste wett. „Alles unter 70 bis 80 Millionen Euro ist für einen VC-Fonds zu wenig“, machte Schmidt klar. Um internationale starke VC-Gesellschaften anzulocken, brauche eine Region vor allem Start-ups, Start-ups und noch einmal Start-ups. „Die Masse macht’s, denn nur die wenigstens haben tatsächlich durchschlagenden Erfolg.“ Weiterhin müsse die Zusammenarbeit zwischen Etablierten und Start-ups gut sein, das Umfeld müsse stimmen, es müsse attraktive Exit-Optionen für die VC-Geber haben, also Firmen, die die Start-ups kaufen möchten, sowie lokale Partner für die Gesellschaften.

Der eigene VC-Fonds

Vector-Chef Schelling hat Nägel mit Köpfen gemacht. Anfang 2017 legte er einen Corporate VC-Fonds auf mit 15 Millionen Euro. „Ich werde oft gefragt, weshalb ein innovatives und wachsendes Unternehmen wie Vector mit Start-ups kooperieren sollte“, erzählte der Unternehmer. „Ich habe mein Unternehmen vor 29 Jahren mit einem Kredit von 50.000 Mark gegründet. Das Unternehmen ist gewachsen und wir sind träger geworden. Wir haben genug Ideen, aber sind zu langsam in der Umsetzung und wir denken oft in festgefügten Kategorien. Das ist ein Grund für die Zusammenarbeit. Der andere liegt im ‚Kampf um Talente‘. Wir haben derzeit 100 offene Stellen für Ingenieure und Informatiker.“ Bei Vector hat man verschiedene  Stufen der Zusammenarbeit mit den Start-ups definiert. Sie reichen von der Kooperation für einen Auftrag über ein Joint Venture und eine Minderheitsbeteiligung bis zum Kauf. Man konzentriere sich auf technisch orientierte Unternehmen. Bisher habe man in ein Start-up investiert, schmunzelt Schelling. In fünf Jahren könne er mehr sagen.

Von der Schaffung eines Ökosystems

Zum Abschluss der Veranstaltung trat Gastgeber Scholz ans Mikrofon. Er erläuterte das Konzept „Live at Stuttgart“, das im ehemaligen Leitz-Areal verwirklicht werden soll. Sukzessive soll bis Anfang 2018 auf 36.000 Quadratmetern eine „Heimat für Spinner, Idealisten, Tüftler, Erfinder, Künstler, Träumer, Handwerker entstehen, in der sie sich mit den Machern der heute erfolgreichen Unternehmen verbinden können“. Ein Spinner ist Scholz allerdings keineswegs, denn das, was er hier in großem Rahmen plant, lebt er heute schon in kleinerem Rahmen in Böblingen. „Der Erfolg hat in Stuttgart die Orte kaputt gemacht, an denen Kreativität gedeihen kann“, sagt Scholz. „Wir wollen einen solchen Ort schaffen. Vor etwa drei Monaten haben wir unsere Website freigeschaltet und schon jetzt haben wir über 300 Bewerbungen.“ Freiberufler, Handwerker, Künstler, Start-ups und Teams aus etablierten Unternehmen sollen in der Sieglestraße ein Zuhause finden. Es wird ein Restaurant geben, ein Schwimmbad, ein Fitnesscenter, ein Kaminzimmer, einen Event-Bereich und ein Hotel mit 150 Zimmern. Wer sich hier einmietet, sei es als Firma oder als Einzelner, braucht sich um nichts weiter zu kümmern. In den verschiedenen Tarifen sind viele Annehmlichkeiten wie Wasser, Kaffee, WLAN und Möbel inklusive. „Wir bieten unseren Mietern die Arbeitswelt der Zukunft, ohne dass sie selbst investieren müssen“, verspricht Scholz. Bei der anschließenden Baustellenführung konnten die Teilnehmer einen kleinen Blick auf die Zukunft erhaschen. Sie wird auf jeden Fall ungewöhnlich.  (-ap)

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