Nutzen statt Produkt: Neue Ökosysteme erschaffen
„Aufgabe des Unternehmers ist es, den Weg für die nächste Idee zu ebnen.“ Dries Guth, Senior Manager Technology Innovations & IoT bei itelligence AG.

Nutzen statt Produkt: Neue Ökosysteme erschaffen

Die Rolle der IT ist unzweifelhaft wichtig, wenn es um neue Möglichkeiten der Wertschöpfung geht. Allerdings nützt die beste IT nur wenig, wenn die Unternehmen die vielseitigen Möglichkeiten nicht aufgreifen können, weil sie in alten Denkmustern  verharren. Produzierende Unternehmen hätten in der Vergangenheit häufig ausschließlich mit dem Verkauf physischer Produkte ihr Geld verdient, natürlich auch über Wartung und Dienstleistung, sagt Dries Guth, Senior Manager Technology Innovations & IoT beim Software- und Beratungshaus Itelligence. „Neue digitale Services und Mehrwerte um ein Produkt herum sind heutzutage aber meist genauso wichtig, wenn nicht sogar bereits wichtiger, und ein enormer Zukunftsmarkt.“

IoT Mittel zum Zweck

Die Digitalisierung biete den Unternehmen die Möglichkeit, um ein Produkt herum ein neuartiges Ökosystem zu schaffen, damit zusätzliche Wertschöpfung zu generieren und die Kundenbedürfnisse besser zu erfüllen. „Das kann zum Beispiel durch Pay-per-use-Modelle geschehen oder durch ganz neue Dienstleistungen“, sagt Guth. „Der Kunde möchte keine Bohrmaschine kaufen, sondern ein Loch in der Wand haben. Und selbst das ist zu kurz gesprungen. Letztlich geht es nämlich darum, dass ein Haus rechtzeitig fertiggestellt werden kann. Hilti zum Beispiel sorgt mit seinem Fleet Management dafür, dass der Handwerker stets zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort die richtige, funktionierende Bohrmaschine zur Verfügung hat. Es geht also nicht mehr um das Produkt, sondern um das, was das Produkt für den Kunden tut. IoT ist dabei nur das Mittel zum Zweck.“ Guth empfiehlt, über das Produkt hinauszudenken, nach dem Nutzen dahinter zu suchen und um das Produkt herum ein neues Ökosystem aufzubauen: „Wer eine Waschmaschine kauft, möchte saubere Wäsche im Schrank. Was heißt das für den Produzenten der Waschmaschine?“

Das Ökosystem zusammenhalten

Prinzipiell sieht Guth den Mittelstand gut gerüstet für die neuen Geschäftsmodelle: „Wir haben super Ingenieure, hervorragende Marketingleute, sind bei der Technologie gut aufgestellt. Aus Universitäten und Forschungsinstituten kommen gut ausgebildete junge Leute. Voraussetzung, um neue Wertschöpfungsmodelle zu schaffen, ist aber die interdisziplinäre Zusammenarbeit in stark vernetzten Teams.“ Dafür müsse man das Silodenken aufbrechen, Ketten lösen, neue Formen der Motivation, der Zielvereinbarung und der Incentivierung finden, sich öffnen und Ressentiments abbauen. Dazu gehöre auch ein neues Führungskonzept. „Hierarchisch aufgebaute Organisationen sind ein Auslaufmodell“, ist Guth überzeugt. „Wir brauchen Netzwerk-Spieler, die dafür sorgen, dass die richtigen Leute am richtigen Ort sind, Ecosystem Engineers, Menschen, die neue Ökosystem aufbauen und zusammenhalten.“

In der Natur sei dafür der Biber das Vorbild. Er komme an ein fremdes Gewässer, baue einen Staudamm und schaffe dadurch ein völlig neues Ökosystem, in dem sich nach und nach Vögel und andere Tiere ansiedelten und gemeinsam das System weiterentwickelten. „Ich erlebe jeden Tag, dass Netzwerkspieler Menschen neu zusammenbringen und Neues erfinden. Es geht nicht um neue Technologien, sondern darum, ein Netzwerk zu orchestrieren“, betont Guth. „In jedem Unternehmen gibt es solche Menschen. Man muss sie finden und ihnen eine Spielwiese geben. Es mag vielleicht eine Weile dauern, bis daraus ein neues Geschäftsmodell entsteht, aber der Biber arbeitet auch langsam. Es geht darum, den Weg für die nächste Idee zu ebnen. Vermutlich war Steve Jobs einer der größten Ecosystem Engineers unserer Zeit als er das iPhone und den ‚digitalen Staudamm‘ Apple Appstore erfand.“

Die IT muss Geld verdienen

Die Rolle der IT und ihr Selbstverständnis müssten sich in diesem Szenario wandeln. In vielen Unternehmen werde die IT noch immer als Kostenfaktor betrachtet, doch sie sei längst mehr. „Die IT wird immer wichtiger, denn am Ende ist in jedem Produkt ein Stück IT enthalten. Mit der IT können Unternehmen neue Einnahmequellen erschließen. Sie ist ein Enabler“, betont Guth. „Man muss mit IT Geld verdienen.“ Das Lichtsystem Hue von Philips lasse sich mit den gängigen Sprachassistenten Google Home, Amazon Echo und Apple HomeKit per Sprachbefehl steuern. Die Kunden des Energieversorgers Eon könnten ihre Ablesedaten über Alexa übermitteln. „Um so etwas zu entwickeln, braucht man neue Fähigkeiten etwa über Cloudtechnologie, Apps und Künstliche Intelligenz, die im Unternehmen vielleicht nicht vorhanden sind. Doch das ist kein Beinbruch, denn man kann mit externen Spezialisten, Start-ups oder mit Beratungshäusern wie Itelligence zusammenarbeiten“ sagt Guth. „Man muss offen sein und den Mut haben, die Dinge anzupacken.“

Zwei Geschwindigkeiten

Das von Gartner Research entwickelte Modell der bimodalen IT zeigt, wie Unternehmen den Spagat zwischen ihrem normalen Geschäft und der Notwendigkeit neuer Geschäftsmodelle bewältigen können. Guth verdeutlicht das am Beispiel des ERP-Systems: „Das ERP hat einen stabilen Kern, der die geschäftskritischen Prozesse des Unternehmens abbildet. Gleichzeitig muss es offen sein für Cloud und Künstliche Intelligenz, sodass es möglich ist, das Innovationsportfolio mit dem klassischen ERP-System zu verbinden. Es muss sich öffnen, damit das Innovationslayer obenauf gesetzt werden kann, neue Technologien integriert werden. Beide Welten sind wichtig – die langsame wie die schnelle, agile.“

Guth empfiehlt Unternehmen, klein anzufangen. Wer wie Eon eine App für Alexa entwickle, könne diese relativ kleine Funktion mit dem ERP verbinden, an den Markt bringen und schauen, was der Kunde sage. Bestehe kein Bedarf, sei nicht viel kaputt, ansonsten habe man ein neues Geschäftsmodell. Die technologischen Probleme lassen sich laut Guth allemal lösen, viel wichtiger und oft schwieriger sei es, vom Wollen  ins Tun zu kommen. „Beschränken Sie sich nicht darauf, nur ihr Produkt zu optimieren“, rät er Unternehmern. „Selbstverständlich sollte man eine Strategie haben, auch eine IT-Strategie, aber warten Sie nicht zu lange. Kommen Sie in den Modus ‚ich mache‘. Es gibt überall unglaublich kreative Köpfe, an den Universitäten, in Ihrem eigenen Unternehmen. Haben Sie den Mut, sich in unbekanntes Terrain zu wagen. Nutzen Sie das Potenzial, wo immer Sie es antreffen. Gehen Sie in die Schulen und Universitäten und holen Sie sich Inspiration. Treffen Sie Start-ups und laden Sie junge Menschen in Ihr Unternehmen ein.“ (-ap)

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