11. Familienunternehmer-Konferenz: Alles andere als gewöhnlich
Über 200 Familienunternehmer und -unternehmerinnen trafen sich am 14. Juli 2016 zur 11. Familienunternehmer-Konferenz des Magazins "Die News" in der Alten Stuttgarter Reithalle im Hotel Maritim. (Alle Fotos: Bernd Hanselmann)

11. Familienunternehmer-Konferenz: Alles andere als gewöhnlich

Junge und ältere Unternehmer sprachen auf der 11. Familienunternehmer-Konferenz in der Alten Stuttgarter Reithalle über ihre Unternehmen, ihre Erfahrungen und ihre Pläne für die Zukunft. Neben Vorträgen und Präsentationen wurden fünf Gesprächskreise angeboten, in denen über Themen wie Globalisierung, Nachfolge, Unternehmenswelten und Erbschaftsteuerreform diskutiert wurde. Junge Unternehmer und Gründer unter 40 trafen sich in einem speziellen Gesprächskreis.

Die über 200 Gäste wurden von Veranstalter Dr. Theo Breitsohl, Verleger und Herausgeber des Unternehmermagazins "Die News", Margit-Therese Huber vom Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) und Dr. Hubertus Porschen, Bundesvorsitzender des Verbands „Die Jungen Unternehmer“ begrüßt. Dr. Porschen griff die Themen Digitalisierung, Europa und Brexit sowie Unternehmensgründung auf. „Wir brauchen ein anderes Europa, ein Europa der Clubs“, sagte er. Weiter forderte er eine neue Kommunikation zwischen Politik und Bürgern und eine Gründerkultur, die Fehler erlaube. „Innovation entsteht durch Neugründung. Dafür braucht man Kapital und auch Kompetenzen“, sagte  Dr. Porschen. „Wir bilden zu viele Manager aus und zu wenig Unternehmer.“

Politik muss Verlässlichkeit bieten

Thomas Strobl, stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister von Baden-Württemberg, begrüßte die Unternehmer mit den Worten: „Leider kann ich Sie nicht in die Villa Reitzenstein einladen – noch nicht.“ Der CDU-Politiker machte deutlich, dass er sich in der grün geführten Landesregierung und auch im Bund dafür stark mache, den Unternehmen verlässliche Rahmenbedingungen und eine gute Infrastruktur zu schaffen. „Die Politik muss dafür sorgen, dass die Zukunft für die Unternehmen planbar ist und die Infrastruktur stimmt“, sagte der Politiker. „Die digitale Welt wird in zwei bis drei Jahren eine andere sein, was das schnelle Internet anbelangt“, versprach er. „Wir werden dafür sorgen, dass auch unsere Weltmarktführer in Hohenlohe und im  Schwarzwald nicht von der Digitalisierung abgehängt werden.“ 

Alles gelingt nicht

Mit Wolfgang Schmalz und Markus Flossmann standen zwei sehr unterschiedliche Unternehmer auf dem Podium: der eine geschäftsführender Gesellschafter eines bereits 1910 gegründeten Familienunternehmens, der andere Inhaber eines 2008 gegründeten Start-ups. Die J. Schmalz GmbH in Glatten, die Wolfgang Schmalz in dritter Generation führt, ist ein weltweit tätiger Spezialist für Vakuum-Technologie mit über 1.000 Mitarbeitern und 17 Auslandsgesellschaften. Das Unternehmen  hat sich im Laufe der Zeit mehrmals neu erfunden. YT-Industries, von Flossmann und Stefan Willared gegründet, baut und vertreibt Mountain- und Downhillbikes mit eigenentwickelten Carbon- und Aluminiumrahmen und hatte vor vier Jahren gerade einmal acht Mitarbeiter.

Und doch haben die beiden Unternehmer einiges gemeinsam. Beide geben zu, dass „nicht immer alles gelingt“. „Wo Licht ist, gibt es auch Schatten“, wie Schmalz es ausdrückte, oder Flossmann: „Aller Anfang ist schwer. Wir hatten zu wenig Eigenkapital und keine Sicherheiten, übersahen die Folgen von Wechselkursschwankungen, wurden von Konkurrenten und Zulieferern blockiert und wuchsen zu schnell bei fehlenden Strukturen. Der Lieferverzug eines taiwanesischen Lieferanten brachte uns an den Rand der Insolvenz.“

Veränderung ist normal

Schmalz zeigte entlang der Firmenhistorie, dass sich Familienunternehmen nicht erst seit heute immer wieder neu positionieren müssen. „Als der Elektrorasierer auf den Markt kam, waren wir mit unserer Rasierklingenproduktion am Ende. Wir mussten ein neues Geschäftsmodell finden“, erzählte Schmalz. „Strukturwandel war schon immer grausam und brutal. Als mein Bruder 1984 die Verantwortung übernahm, hatte das Unternehmen gerade einmal acht Mitarbeiter und wir fertigten Anhänger für die Landwirtschaft, Postwagen, Servier- und Gepäckwagen sowie Transportgräte für Flughäfen. Auch damals mussten wir uns neu erfinden. Veränderung ist normal. 8,5 Prozent unseres Umsatzes fließen in Forschung und Entwicklung.“ Der 58-Jährige beeindruckte seine Zuhörer auch durch die Konsequenz, mit der er und sein Bruder Dr. Kurt Schmalz sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben, sozial, ökologisch und auch hinsichtlich des Wertschöpfungssystems.

Abheben mit Bikes

Flossman, selbst begeisterter Mountainbiker, schilderte, wie es YT-Industries – YT steht für Young Talents – gelungen ist, durch den Online-Direktvertrieb und die Rahmenproduktion in Taiwan ein bezahlbares High-end-Mountainbike zur Nr. 1 in Europa und zur Nr. 3 in der Welt zu machen. Szenegrößen wie Andreu Lacondeguy, Cam Zink und Aaron Gwin fahren inzwischen die „Fahrräder“ aus Forchheim. „Sie sind unsere Helden, die für die jungen Biker Vorbild sind und ihnen ein Lebensgefühl vermitteln: ‚good times‘“, sagt der 40-Jährige. „Wir werben nicht mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern, mit Leistung und Wettkampf, sondern mit Freude und Spaß zusammen mit Freunden.“ Mit zwei kurzen Filmen vermittelte der Unternehmer den Konferenzteilnehmern einen Eindruck davon, was sich hinter Begriffen wie Dirt Jump, Downhill und Enduro verbirgt.

Die Erfolgsfaktoren eines guten Unternehmens sind für Flossmann klar: „Man braucht ein Konzept, das Hand und Fuß hat, Leidenschaft für das, was man tut, Ausdauer, die einen wieder aufstehen lässt, wenn etwas schief geht, und eine Mannschaft, die mit durchs Feuer geht, die Leidenschaft teilt und kämpft. Und man muss echt sein, darf sich nicht hinter einer Marketing-Maske verstecken.“

Angst oder Lust?

Prof. Dr. Arnold Weissman, Strategieberater für Familienunternehmen, war auch bei der 11. Familienunternehmer-Konferenz wieder mit dabei und fragte die Zuhörer: „Geschäftsmodelle: erhaltend oder disruptiv – wie weit geht Ihr Unternehmen?“ Etablierte Unternehmen würden sich schwer tun mit disruptiver Innovation, sagte der Professor. Sie seien viel besser in erhaltender Innovation, doch das reiche künftig nicht mehr aus. Die Digitalisierung mit ihren mehrgliedrigen Vertriebswegen treibe die Vernetzung der Wertschöpfungskette voran und doch habe bisher noch kaum ein Unternehmen einen  Chief Connectivity oder einen Chief Digital Officer. „Wer den Zugang zum Kunden hat, hat den Wert“, mahnte Weissman. „Alle anderen werden Zulieferer irgendeiner Plattform sein.“ Man solle es als Aufbruchsignal sehen, wenn Audi-Chef Rupert Stadler sage, 2025 würden 45 Prozent des Geschäfts mit Software gemacht. „Macht Ihnen die Zukunft Angst oder Lust?“ wollte Weissman abschließend von seinen Zuhörern wissen, denen er riet: „ Wir sprechen bei der Digitalisierung nicht über Technik, sondern über Geschäftsmodelle. Formulieren Sie Zielzustände, an die Menschen glauben und für die sie sich engagieren.“

Anschließend stellten vier Redner in Kurzpräsentationen ihre Konzepte moderner Geschäftsmodelle vor. Dabei wurde deutlich, dass neue Geschäftsmodelle nicht nur digitale sein müssen, sondern vor allem einen Nutzen für Kunden bieten müssen, den andere nicht bieten können. Differenzierung ist auch und vor allem in Zeiten der Digitalisierung notwendig, wenn nicht mehr das Produkt entscheidet, sondern die Emotion.

Erfolg im dritten Anlauf

Jung-Unternehmer Feliks Eyser stellte sein 2010 gegründetes Start-up „RegioHelden“ vor, Spezialist für regionales Online-Marketing. Der Gründer warb auch für Rahmenbedingungen, die Gründungen einfacher machen. Das Unternehmen sei bereits sein dritter Versuch, so Eyser, aber er befinde sich in guter Gesellschaft. Der Bezahldienst Paypal sei sogar ein fünfter Versuch und habe heute eine Marktkapitalisierung von 47,61 Milliarden US-Dollar. „Wir brauchen eine Kultur der zweiten, dritten und vierten Chance“, forderte Eyser. „Fehler dürfen kein Makel sein, sondern ein Lernprozess. Start-ups sind in der Regel erfolgreich auf Basis einer Reihe von Fehlern.“ Wer Unternehmer werden wolle, solle damit möglichst früh anfangen, empfahl der junge Unternehmer. „ Gründen kostet Zeit, Blut, Schweiß und Tränen. Man muss gar nicht von Anfang an den Erfolg anpeilen. Auch einen Marathon kann man nicht aus dem Stand laufen.“

Industrie 4.0 macht Spaß

Dr.-Ing. Gregor Körkel aus dem Boschwerk Feuerbach ging der Frage nach, weshalb Industrie 4.0 so wichtig ist. Industrie 4.0 sei für das Leben erfunden worden, mache es leichter. Für die Unternehmen gehe es darum, Industrie 4.0 in ihre Prozesse einzubinden.  Die Arbeit werde einfacher und effektiver und damit das Unternehmen schneller und agiler. Körkel brachte Beispiele wie das Online Spindle Monitoring, mit dem die Ausfallzeiten um zwölf Prozent reduziert werden konnten. Die Abstimmung der Mitarbeiter mit dem Meister erfolge über eine App. „Für den Meister bedeutet das 70 Prozent weniger Aufwand für Koordination und Schichtplan“, präzisierte Körkel. Im Werk Feuerbach könnten Besucher Industrie 4.0 in „Guided Tours“ schon live erleben. Darüber hinaus gibt es im Werk die so genannte Innovationswerkstatt, in der sich ein agiles neunköpfiges Team permanent darum kümmere, bereits in der frühen Phase des Produktentstehungsprozesses die Weichen zu stellen, um künftig neue Produkte oder Prozesse ins Werk zu holen.

Mutig sein

Sarah Maier hat ihr Unternehmen, das 1910 als Kunstschreinerei gegründet worden war, von ihrer Mutter übernommen. 2015 hat sie einen mutigen Schritt getan und den Standort in Markgröningen aufgegeben und sich in Stuttgart-Feuerbach angesiedelt. Zeitgleich wurde das Unternehmen auf ihren Namen umfirmiert und heißt jetzt Sarah Maier Handgewerke GmbH. „Wir fertigen Möbel in Losgröße 1 für eine spezielle Kundschaft“, sagt die 39-Jährige. „Holz ist nach wie vor immer dabei. Besonders stolz sind wir auf die fünfeckige ‚Stuttgarter Küche‘, mit der wir die alt hergebrachte Frankfurter Küche, klein und nur für die Hausfrau gedacht, abgelöst haben. Doch gut zu sein in einem Handwerk reicht nicht aus.“ Deshalb hat Maier, die von sich sagt, sie sei unter der Hobelbank ihrer Mutter groß geworden, aus dem Einrichtungshaus eine Einrichtungshalle und Event Location gemacht. „Mein Marketing ist eine Kaffeemaschine und Gastlichkeit in wechselnder Umgebung“, sagt die Unternehmerin. „Erfolg braucht ein Gesicht und das bin ich, sowohl hinter der Kaffeemaschine und beim Mittagessen als auch online. Ich mache die Unternehmenskommunikation selbst und erzähle viele Geschichten aus dem Unternehmen online und in einem Newsletter. Das Feedback gibt mir Recht. Man darf Emotionen zeigen und auch eine Meinung haben.“ Auf Veränderung müsse man vorbereitet sein, sagt die Unternehmerin: „Man muss mutig sein und vor nichts Angst haben.“

Virtuell wird real

Heinz Wurzel hat Erfolg in einer Branche, in der Erfolg nur selten zu finden ist: in der Druckbranche. Zur Wurzel-Mediengruppe zählen zwölf Unternehmen, die alle Sparten des Druck- und Mediengewerbes abdecken. Die Wurzel Medien GmbH hat sich auf 3D-Visualiserungen und Apps spezialisiert. Gemeinsam mit Tobias Kenner stellte Wurzel die Möglichkeiten vor, die zum Beispiel Augmented Reality bietet. Es wird zum Beispiel eingesetzt in der Medizin-, Mode- und Tourismusbranche sowie in der Ausbildung. Für den Ofenbauer Leda wurde eine App entwickelt, mit dem der Kunde seinen Wunschofen in seinem eigenen Wohnzimmer betrachten kann. Dadurch konnte eine deutliche Umsatzsteigerung erzielt werden. Per Computer Generated Imagery können aus CAD-Daten fotorealistische Bilder erzeugt werden, sodass ein Auto in verschiedenen Farb- und Ausstattungsvarianten betrachtet werden kann. Fotografen, die für Autofirmen die neuesten Modelle fotografieren, reisen inzwischen ohne Auto an die Location. Das kann per 3D-Visualisierung jederzeit an jedem Ort ins Foto gesetzt werden. Eine Steigerung sieht Wurzel in Virtual Reality, in der Betrachter ins Geschehen mit einbezogen wird und sowohl Stress, Freude oder auch Schwerelosigkeit führen kann.

Am Ende der Konferenz dankte Dr. Theo Breitsohl den Rednern, den zahlreichen Sponsoren, die großzügige Preise gestiftet hatten, Moderator Markus Brock sowie dem Event-Team und dem Team des Hotels Maritim für ihr Engagement. „Sie alle waren toll und haben diese spannende, informative und abwechslungsreiche Konferenz erst möglich gemacht“, sagte er. „Es ist unglaublich, welche beeindruckenden und unterschiedlichen Geschichten Familienunternehmen zu bieten haben, welche Impulse heute gesetzt wurden.“  (-ap)

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