Digitalisierung: Der lange Weg nach Silicon Valley
Mit einer Live-Schaltung ins Silicon Valley zu Startup-Unternehmer Catalin Voss, ging der Wirtschaftsrat beim ersten Innovationsforum in Stuttgart neue Wege. (Alle Fotos: Wirtschaftsrat)

Digitalisierung: Der lange Weg nach Silicon Valley

Mit einer Live-Schaltung  ins Silicon Valley, beeindruckenden Referenten und einem hoch aktuellen Thema für alle Unternehmen lockte der Landesverband Baden-Württemberg des Wirtschaftsrats zahlreiche Mittelständler, Familienunternehmer und Startup-Unternehmer in die Veranstaltungsräume der KPMG in Stuttgart. Mit Virtual-Reality-Brillen wurde gleich beim Empfang der Teilnehmer klar, dass diese Veranstaltung etwas Besonderes werden sollte: das erste Innovationsforum des Wirtschaftsrats unter dem Motto „Mit Schwung und Gewinn den digitalen Wandel gestalten“. Der Landesvorsitzende Joachim Rudolf mahnte in seiner Begrüßung: „Wir müssen bei der Standardisierung von Industrie 4.0 Tempo machen, in den Austausch mit Gründern gehen und Wagniskapital bereitstellen. Deutschland muss aus der zweiten Liga aufsteigen.“

Kommunikation und Vernetzung

Den Anfang auf dem Podium machte Prof. Dr. Andreas Pyka vom Lehrstuhl für Innovationsökonomik der Universität Hohenheim. Er machte deutlich, dass Innovationsfähigkeit eine Frage der Kommunikation ist.  Und Innovation brauche einen Ort. Baden-Württemberg sei so ein Ort, an dem eine höhere Innovationsdichte herrsche als andernorts. Das zeige sich, wenn man den Innovationsfaktor verschiedener Länder und Regionen vergleiche. Allerdings müssten sich Unternehmen vor dem „Sailingship-Effekt“ hüten. Wenn Innovationen nur erhaltend seien, führe das irgendwann dazu, dass ganze Branchen neuen Märkten beziehungsweise Innovationen zum Opfer fielen, so wie alle Hersteller von Segelschiffen dem Dampfschiff zum Opfer gefallen seien. „Sie entwickelten immer größere und bessere Segelschiffe, obwohl das Dampfschiff längst seinen Siegeszug angetreten hatte“, sagte Prof. Pyka. „Die Vorbereitung auf solche disruptiven Veränderungen ist möglich. Doch wir fürchten Verluste stärker als Gewinne.“ Er warb für die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Forschung und Unternehmen in Netzwerken. Und empfahl „exploration statt exploitation“, also das Experimentieren, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, statt sich ausschließlich auf die Weiterentwicklung und Perfektionierung bestehender Produkte zu konzentrieren.“

Personalverantwortung mit 16

Die Live-Schaltung ins Silicon Valley zu dem 24jährigen Startup-Unternehmer Catalin Voss, gebürtiger Deutscher, illustrierte eindrucksvoll, weshalb sich Gründer in Deutschland schwer tun. Voss erzählte, wie er mit 15 Jahren ins Silicon Valley für ein Praktikum bei Steve Capps kam, von dem Appel-Produkte wie Lisa, Macintosh und Newton stammen. Der Nerd aus Deutschland programmierte in nur vier Wochen eine App, mit 18 hatte er bereits eine eigene Firma gegründet. Heute studiert er in Stanford und führt ein Forschungsprojekt, das Autisten mittels der Google-Datenbrille“Glass“ hilft, Emotionen in Gesichtern zu erkennen. Er arbeitet mit Professoren für Künstliche Intelligenz zusammen und ist Innovator in Residence bei StartX, dem Inkubator von Stanford.

Im Interview mit Dominik Grau, Chief Innovation Officer der Ebner Verlag GmbH & Co. KG., sagte Voss, seine Geschichte hätte so in Deutschland nie passieren können. „Ich hatte mit 16 Jahren Personalverantwortung – undenkbar in Deutschland“, lachte er. „Im Silicon Valley gibt es unglaubliche Netzwerke und viele gute Mentoren und Investoren direkt vor Ort.“ Und nicht nur die jungen Gründer gingen ungewöhnliche Wege. Ein bekannter Investor führe Gespräche nur beim Wandern.

Voss machte auch klar, weshalb aus der Region Stuttgart wohl nie ein Silicon Valley werden würde. „Wenn ich ein neues Unternehmen gründen möchte, rufe ich meinen Anwalt an. 20 Minuten später ist es erledigt“, sagt er. „Diese Schnelligkeit und Flexibilität sowie die Möglichkeit, scheitern zu dürfen, fehlen in Deutschland.“ Woher bekommt er seine Geschäftsideen? Die Antwort: „Ich fokussiere mich auf ein Problem und seine Lösung.“

Digitalisierungsstrategien

Der Politiker Guido Wolf, angetreten die Macht für die CDU in Baden-Württemberg zurückzuerobern, versprach all das, was sich Unternehmer im Hinblick auf die Digitalisierung wünschen: schnelle Internetverbindungen, eine Kultur des Scheiterns und bessere Bedingungen für Gründer. „Es geht um intelligenten Fortschritt, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt“, sagte Wolf und stellte seine Digitalisierungsstrategie für Baden-Württemberg vor:

  • Exzellenz als Alleinstellungsmerkmal. Dafür werde man mehr Startups brauchen, Gründungen aus den Universitäten heraus und eine Kultur der zweiten Chance.
  • Unternehmen befähigen. Das bedeute auch, die zersplitterten Zuständigkeiten wieder zusammenzuführen.
  • Teilhabe, das heiße digitale Bildung, Breitbandzugang für alle, Glasfaser überall.
  • Werte und Normen entwickeln, die Folgen der Veränderung abschätzen.

Dominik Grau vom Ulmer Ebner Verlag, gegründet 1817, wurde sehr viel konkreter.  Bei Ebner setze man auf digitale Kommunikation und habe einen Werkzeugkasten für digitales Content Marketing entwickelt, der in sieben Schritten zu digitalem Erfolg führe.  Im Jahr 2015 habe der Verlag mit neuen Innovationen ein  Ergebniswachstum von 71 Prozent erzielt.  Grau sagte, erfolgreiches Content Marketing müsse Marketing als Story Telling begreifen, den Kunden/Leser sehr genau kennen, ihm passgenaue Werbung servieren und so die Außenwahrnehmung positiv steuern. Auf www.communicateandsell.de verrät der Verlag viele Tipps.

Startups sind anders

Adrian Thoma, Startup-Unternehmer und Gründer der Pioniergeist GmbH, warnte davor, die Digitalisierung auf die leichte Schulter zu nehmen: „The battle ist for the customer interface. Die Plattformen lassen alles Schwierige weg. Sie besitzen nichts und produzieren nichts. Sie sind Vermittler, aber ziehen damit die Kundenbeziehung an sich.“ Er machte darauf aufmerksam, dass  Startups eine eigene Organisationsform haben, die nicht mit der Organisation etablierter Unternehmen kompatibel ist. „Startups wissen anfangs oft nicht, was am Ende tatsächlich herauskommt. Sie haben von Anfang an den Mehrwert für den Kunden im Auge und entwickeln mit dem Kunden/Nutzer gemeinsam“, sagte Thoma. „Sie haben keinen detaillierten Plan. Ein Businessplan hilft nicht, schadet aber auch nicht.“ Deutsche Unternehmen und Investoren würden aber für alles Pläne verlangen. Das laufe der Kultur der Startups zuwider. Schon allein deshalb werde Baden-Württemberg nicht zu einem Silicon Valley. Aber er sei sich sicher, dass man durch den Austausch und die Zusammenarbeit  von Startups und Mittelstand „die Welten vereinen“ könne.

Fazit: Alles in allem eine gelungene Veranstaltung mit spannenden Referenten. Baden-Württemberg hat durchaus Chancen, den digitalen Wandel zu schaffen, aber nicht ohne gehörige Anstrengung. Die Unternehmen müssen nicht nur technologisch aufrüsten, sondern einen Kulturwandel vollziehen, weg von der hierarchisch geführten Organisation hin zum Netzwerk. Und natürlich sollte die Politik auf weitere Einschränkungen und Regulierungen verzichten. Möglicherweise wird dann aus der Region Stuttgart ein Smart Valley.  (-ap)

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