10. Familienunternehmer-Konferenz im Zeichen der Digitalisierung
Rund 270 Familienunternehmer und Führungskräfte aus Familienunternehmen trafen sich auf der 10. Familienunternehmer-Konferenz am 16. Juli in Stuttgart. (Alle Fotos: Photoproduction Hanselmann)

10. Familienunternehmer-Konferenz im Zeichen der Digitalisierung

Digitalisierung ist offensichtlich das Thema, das viele Familienunternehmen derzeit umtreibt. Sowohl in den Vorträgen und bei der Podiumsdiskussion mit EU-Kommissar Günther H. Oettinger als auch in den Pausengesprächender 10. Familienunternehmer-Konferenz der „News“ ging es um Industrie 4.0, um die Verbindung von analoger und digitaler Welt, um digitale Geschäftsmodelle und Zukunftsstrategien. Dabei wurde deutlich, dass die Unternehmer zwar verstanden haben, dass es nicht weitergeht wie bisher, aber noch viele Unsicherheiten hinsichtlich des richtigen Wegs in die Zukunft bestehen.

Nach der Begrüßung durch Veranstalter Dr. Theo Breitsohl, Verleger des Familienunternehmermagazins „Die News“, Claudia Gläser, Vizepräsidentin des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU) und Joachim Schramm, Mitglied des Bundessenats von „Die Familienunternehmer – ASU“, ging es mit dem Vortrag von Prof. Dr. Arnold Weissman gleich zur Sache.

Nicht zu kurz springen

Prof. Weissman machte klar, dass die Digitalisierung letztlich nur ein Enabler sei. In vielen Unternehmen sei die Digitalisierung in der IT angesiedelt, doch das sei „zu kurz gesprungen“. Die Digitalisierung müsse Chefsache sein.  „Lassen Sie Ihre Strategie nicht von der IT entwickeln“, mahnte Prof. Weissman die rund 250 Unternehmer, die zur Konferenz in der Alten Stuttgarter Reithalle gekommen waren. „Sie müssen als Unternehmer oder Führungskraft nicht über jedes Detail der Digitalisierung Bescheid wissen“, fuhr er fort. „Aber Sie müssen sich um das große Ganze kümmern. Es geht um die Frage, wie Ihr Geschäftsmodell in drei, fünf oder zehn Jahren aussehen soll. Dabei müssen Sie die gesamte Wertschöpfungskette im Auge behalten. Nur das Frontend, zum Beispiel einen Webshop zu betrachten, reicht nicht aus.“ Der Strategieberater aus Nürnberg skizzierte die Welt von morgen, der sich die Unternehmer gegenübersehen: globaler, digitaler, vernetzter, integrierter („multi-channel oder cross-channel wird nicht mehr ausreichen. Sie brauchen omni-channel“), volatiler, demokratischer, individueller („ohne customized solutions werden Sie kaum noch überleben können“). „Kurz gesagt: Die Welt wird anders sein“, sagte Prof. Weissmann. „Dafür brauchen Sie eine lösungsorientierte Strategie, denn der Kunde kauft weder ein Produkt noch eine Leistung, sondern er kauft den Nutzen, den er daraus hat.

„Die digitale Transformation beschreibt den fundamentalen Wandel von Unternehmen hin zu einer vollständig vernetzten, digitalen Organisation“, definierte Prof. Weissman. „Die heutigen Hidden Champions haben ihre Unternehmen nicht digital aufgebaut, die Start-ups haben digitale Geschäftsmodelle und eine völlig andere Denkweise. Mit ihren Geschäftsmodellen nehmen sie den heutigen Marktführern Umsatz ab und verhindern deren weiteres Wachstum. Diese Wachstumslücke gilt es zu schließen und dafür brauchen Sie eine Strategie.“

Bier, Nagellack und die Digitalisierung

Mit Per Ledermann, Vorstandsvorsitzender der Edding International GmbH, Ahrensburg, und Michael Weiß, geschäftsführender Gesellschafter der Meckatzer Löwenbräu Benedikt Weiß KG, Heimenkirch, standen zwei Redner auf der Bühne, deren Unternehmen eindeutig aus der analogen Welt kommen. Und doch schaffen es beide, sich in schrumpfenden Märkten zu behaupten und die Digitalisierung für sich zu nutzen. Ledermann machte klar, dass es ohne eine neue Strategie nicht weitergehe. „Zwischen 2012 und 2020 wird der Markt für Bürobedarf durch die Digitalisierung um etwa elf Milliarden Euro schrumpfen, ein Minus von 25 Prozent“, sagte er. „Wenn man sich vergegenwärtigt, dass Edding teilweise einen Marktanteil von 80 Prozent hat, wird klar, dass das ohne Veränderung nicht aufgefangen werden kann.“ Am Beispiel der Marke „Legamaster“ zeigte der Edding-Chef, welche Veränderungen anstehen. Statt mit Flipcharts und Co. erzielt das Unternehmen heute fast 30 Prozent des Umsatzes dieser Marke mit interaktiven Produkten. Und es gebe Potenzial: „In deutschen Klassenzimmern wird noch mit der Kreidetafel gearbeitet. In Großbritannien zum Beispiel finden sich in den Klassenzimmern zu über 100 Prozent digitale Lösungen“, sagte Ledermann.

Dauerhaft Farbe auf Oberflächen

Eine Erfolgsgeschichte ist der Edding-Nagellack, der die Kompetenz des Unternehmens und seiner Marke auf einen neuen analogen Bereich ausdehnt und gleichzeitig die digitale Welt nutzt. „Wir setzen bei der Vermarktung nicht auf Glamour, sondern auf Funktion, auf Power statt auf Püppchen und auf Parfümerie statt Drogerie und beteiligen uns nicht am Preiskampf der etablierten Hersteller“, beschrieb Ledermann die Strategie. „Der Nagellack bringt uns mit unseren Kunden ins Gespräch. Das Feedback ist unglaublich. Unsere Entwickler brauchen nicht mehr ins Testcenter zu gehen. Die Kunden sagen uns, was sie brauchen.“ Die gleiche Strategie verfolge man bei den Druckerpatronen und dem Permanent Spray. Das Unternehmen setze darauf, dass der Kunde ihm das Produkt zutraue. „Unsere Kompetenz ist es, dauerhaft Farbe auf Oberflächen zu bringen“, sagt Ledermann.

Edding setze darauf, verschiedene Dinge auszuprobieren wie die „Wall of Fame“, wo man live im Internet malen und anderen dabei zuschauen kann. „Bisher haben wir damit viele Preise eingeheimst, aber nichts verdient, doch unsere Kunden lieben es“, sagt Ledermann. Man müsse weg  von der langen Vorbereitung und der perfekten Umsetzung. „Für den großen Sprung muss man Mut haben und darf sich nicht am Marktführer orientieren, sonst bleibt der Abstand immer gleich“, sagt er. Mit dem „disruptive innovations office“ versuche man die Lücke zu bestimmen, die es auszufüllen gelte. Entscheidend sei jedoch, dass sich die Organisation verändere. „Wir brauchen eine Start-up- oder Ideen-Kultur“, sagte Ledermann. „Strukturen großer Organisationen nehmen die Beweglichkeit. Bei einem Technologiesprung lösen die Neuen die Etablierten ab, weil diese sich zu spät verändern. Es ist viel Kommunikation nötig, um den Mitarbeitern die Notwendigkeit zur Veränderung nahezubringen, vor allem solange es dem Unternehmen gut geht.“

Die Marke aufwerten

Zum ersten Mal wurde die Brauerei Meckatzer 1738 erwähnt. Seit 1853 ist sie im Besitz der Familie Weiß. Michael Weiß führt das Unternehmen in 4. Generation. Bereits 1905 beantragten seine Vorfahren in Berlin Markenschutz für die heute noch wichtigste Marke: Weiss-Gold. 70 Prozent Anteil am Sortiment hat Weiss-Gold und ist mit einem Kistenpreis von 17 Euro im Handel  im Hochpreissegment angesiedelt. Immerhin kosten 50 Prozent aller Biere unter zehn Euro pro Kiste. „Da kann man als Mittelständler nicht mithalten“, sagte Weiß. Trotzdem wächst Meckatzer entgegen dem Trend in einem schrumpfenden Markt. Das Geheimnis: „Wo der Verbrauch nicht mehr wächst, muss die Marke aufgewertet werden“, ist Weiß überzeugt. „Wir halten an den Prinzipien und Werten unserer Marke fest, weichen dem knallharten Kapitalwettbewerb aus und stärken stattdessen die Marke.“ Das Meckatzer-Leitbild „Erfolg durch Qualität in allem Tun – zum Wohle der Menschen, mit denen und für die wir tätig sind“, bildet die Grundlage. Die Brauerei schließt mit ihren Lieferanten langfristige faire Verträge ab, kümmert sich um das Wohl der Mitarbeiter und engagiert sich gesellschaftlich. „Ich habe keine Lust zu spekulieren und auf kurzfristige Deals“, sagt Weiß. „Das Miteinander muss gehegt und gepflegt werden. Das spart uns die Werbung. Wir können Märkte aufbauen, aber dafür brauchen wir Haltung. Man kann es nicht allen Recht machen, sonst verliert man letztlich alle.“

Die Marke werde im Handel, in der Brauerei und online für die Kunden erlebbar gemacht. „Wer für uns Promotion macht, weiß Bescheid über das Bier und das Unternehmen“, betonte Weiß. „Mit unserem neuen Verwaltungsgebäude und dem Bräustüberl verbinden wir auf engstem Raum Tradition und Moderne und vier Jahrhunderte. So versuchen wir, das Alte durch das Neue zu ehren.“ Groß geschrieben wird die Kommunikation mit dem Kunden auf allen Kanälen. Unter anderem über den 8.500 Mitglieder zählenden Fan-Club und die Zeitschrift „Meckatzer Löwe“. Stolz erzählt Weiß: „Unsere Fan-Club-Mitglieder zahlen Beiträge und die Zeitschrift produzieren wir selbst ohne Agentur. Wir wollen erlebbar und den Kunden nah sein. Überall, wo es Meckatzer gibt, muss sich auch jemand darum kümmern.“

Im Anschluss an diesen Artikel finden Sie einige Videos von der 10. Familienunternehmer-Konferenz. Ganz unten gibt es eine große Bildergalerie.

 

    

Rückblick 10. Familienunternehmer-Konferenz 2015

Motto: "Tradition trifft Moderne – die Kraft des Wandels"

Statement von Per Ledermann, Geschäftsführer Edding, auf der 10. Familienunternehmer-Konferenz

Wie nähern Sie sich in Ihrem Unternehmen dem Thema Digitalisierung?

Statement von Strategieberater Prof. Dr. Arnold Weissman, Gründer von Weissman & Cie., zum Thema Digitalisierung

Kernaufgaben von Unternehmen bei der Digitalisierung

Statement von EU-Kommissar Günther H. Oettinger zum Thema Digitalisierung

Welche Chancen stecken im Thema Digitalisierung für den Mittelstand?

Statement von Patricia Neumann, Vice President, IBM Deutschland GmbH, zum Thema Digitalisierung Welche Chancen und Risiken bietet die Digitalisierung?

Welche Chancen und Risiken bietet die Digitalisierung?

Statement von CEO und Mitgründer der Tocario GmbH, Carsten Unnerstall zum Thema Digitalisierung

Welche Chancen stecken in digitalen Geschäftsmodellen für den Mittelstand?

Statement von Fabian Henrichsen, Vorstandsvorsitzender der Henrichsen AG, zum Thema Digitalisierung

Chancen und Risiken der Digitalisierung

Statement von Michael Weiß, geschäftsführender Gesellschafter der Meckatzer Löwenbräu Benedikt Weiß KG

Zum Thema "Tradition trifft Moderne"
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