Digitale Infrastruktur ist wichtiger als die Umgehungsstraße
EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft Günther H. Oettinger plädierte auf der 10. Familienunternehmer-Konferenz der News in Stuttgart für eine europäische Digitalisierungsstrategie. (Alle Fotos: Photoproduction Hanselmann)

Digitale Infrastruktur ist wichtiger als die Umgehungsstraße

Das sagte der EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft Günther H. Oettinger in einem Kurzvortrag auf der 10. Familienunternehmer-Konferenz des Unternehmermagazins „Die News“ in Stuttgart. Dem konnten alle Teilnehmer der anschließenden Podiumsdiskussion zustimmen. Moderator Wolf R. Hirschmann, Geschäftsführer der Slogan Strategieberatung Marketing Vertrieb, Stuttgart/Filderstadt, brachte die entsprechenden Zahlen ins Spiel: „Der Investitionsbedarf für die Digitalisierung des industriellen Herzens  Deutschlands beträgt bis 2025 schätzungsweise 35 Milliarden Euro. Um in zehn Jahren 35 Milliarden Euro zu investieren – 3,5 Milliarden pro Jahr – müsste sich das Tempo zu heute  im Schnitt um den Faktor sieben erhöhen“, sagte er.

Plädoyer für eine europäische Strategie

Oettinger mahnte in seinem Kurzvortrag: „Wir müssen investieren und wir brauchen eine gemeinsame europäische Strategie. Die digitale Revolution dauert nicht lange. In zehn Jahren wird entschieden sein, wer gewinnt. Wir liegen zurück. Die USA haben eine klare Strategie. Sie möchten mit der Digitalisierung ihre industrielle Unterlegenheit ausgleichen und sich so die wirtschaftliche Überlegenheit sichern. Daten sind der spannendste Rohstoff, denn es gibt. Apple hat kein Interesse am Schrauben und Fräsen.“ Der europäische Binnenmarkt sei mit seinen über 500 Millionen Verbrauchern ein überaus interessanter Markt, fuhr Oettinger fort. Das gebe den Europäern die Möglichkeit, gemeinsam Standards – auch im Datenschutz – durchzusetzen. Der EU-Kommissar mahnte Investitionen in den Ausbau des schnellen Breitbandnetzes ebenso an wie in Bildung. „Bis zum Ende des Jahrzehnts müssen wir unsere Stärken halten und die Schwächen abbauen“, sagte er abschließend.

Mittelstand hält sich zurück

Hirschmann stellte der Diskussionsrunde, der außer Oettinger Patricia Neumann, Vice President  IBM Systems Hardware Sales-Team DACH, Ulrich Dietz, Vorstandsvorsitzender der GFT Technologies AG, Stuttgart, Fabian Henrichsen, Vorstandsvorsitzender der Henrichsen AG, Straubing, und Carsten Unnerstall, CEO und Mitgründer der Tocario GmbH, Stuttgart, angehörten, gleich zu Anfang die Frage nach dem Engagement des Mittelstands: „Muss es uns nicht erschrecken, wenn eine Studie der GfK, aus dem August 2014 für die DZ Bank feststellt, dass 49 Prozent der Unternehmen gegenwärtig keine große Bedeutung für digitale Technologien in ihrem Unternehmen sehen? Immer noch 40 Prozent sehen dies auch in den nächsten Jahren nicht kommen.“ Neumann betrachtete die Frage differenziert: „Deutschland ist stark im produzierenden Gewerbe und im B2B-Markt. Es stimmt, dass man in anderen Ländern schon weiter ist. Wenn wir uns jedoch fragen, wer die treibende Kraft der Digitalisierung ist, lautet die Antwort: Wir alle, die Konsumenten. Dieser Entwicklung zum C2B-Markt können sich die Unternehmen nicht verschließen“, sagte sie.

Henrichsen stimmte zu: „Die Frage lautet letztlich: Wie einfach machen Sie es Ihren Kunden, zum Beispiel durch Bewertungen und Statusmeldungen. Das wird auch in die B2B-Welt Eingang finden und ist eine einfache Möglichkeit, einzusteigen.“ Dietz wies daraufhin, dass alle Unternehmen digital werden müssten. „Dafür sind viele kleine Schritte nötig und große Veränderungen. Das wird Widerstand hervorrufen. Wir müssen uns überlegen, wie wir diesen Widerstand in Innovation umwandeln können“, sagte der GFT-Chef. „Wir können nicht mehr diskutieren, sondern müssen handeln. Die Politik muss den Breitbandausbau voranbringen, die Schulen müssen mitziehen. Momentan sind die Kinder schneller als ihre Lehrer. Dem Mittelstand bieten sich durch die Digitalisierung einzigartige Möglichkeiten. Er muss sie nur wahrnehmen.“

Gewinnen oder verlieren – Schnelligkeit zählt

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass es schnell voran gehen müsse. Oettinger sagte: „Wir sind aufgewacht. Die Lage ist analysiert. Jetzt müssen wir Geld in die Hand nehmen und das Thema auf die europäische Ebene heben. Wir befinden uns in einer Aufholjagd. Die anderen warten nicht. Man kann alles gewinnen oder verlieren.“ Im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen im Mittelstand sagte Oettinger: „Solange Sie die Erbschaftsteuer wichtiger nehmen als die Digitalisierung, sind Sie noch nicht richtig aufgestellt.“ Start-up-Gründer Unnerstall sagte, die Türen für die Start-up-Philosophie seien heute offener, aber häufig bewegten sich die Produkte in einem Markt, der in Deutschland noch nicht angekommen sei.

Auch Neumann mahnte Geschwindigkeit und Agilität an. „Die Unternehmen müssen Neues ausprobieren, ihre Strategie ändern und investieren. Das kann auch zur Kannibalisierung des eigenen Geschäftsmodells führen“, sagte sie. Henrichsen sieht als ein Hindernis für Veränderungen und Investitionen gleichermaßen das mangelnde Verständnis für die Chancen der Digitalisierung. „Nur wer digital arbeitet, kann auch digital denken“, sagte er. „Jedes Unternehmen sollte einen Chief Digital Officer in der Geschäftsführung haben, der mit wachen Augen durch das Unternehmen geht, Chancen und Lücken identifiziert“, legte Oettinger nach.

Sicherheit ist ein Chef-Thema

Mit der Frage nach Datensicherheit, Datenschutz und dem Umgang mit sozialen Medien griff Hirschmann Bedenken auf, die viele Mittelständler im Hinblick auf die Digitalisierung haben. Neumann sagte, der Umgang mit diesen Themen sei eine Frage der Bildung und der Intuition. Sie fügte hinzu: „Die Verknüpfung muss es geben. Die IT ermöglicht das. Die Lösung ist einfach: Nur Dinge herausgeben, die nicht die Kronjuwelen sind. Für Sicherheit muss gesorgt werden.“ Unnerstall fügte hinzu: „Es gibt Lösungen. Man muss sie nur einführen. Entziehen kann man sich der Digitalisierung nicht.“

Dietz sagte, 90 Prozent aller Unternehmen könnten sich gegen einen Angriff auf ihre IT-Systeme nicht wehren. „Man muss die Risiken kennen, um sie zu minimieren“, sagte er. „Bei GFT lassen wir regelmäßig Profis Angriffe gegen unser System durchführen. Bei einem Dach schaut man ja auch nach, wo es hinein regnet und was man dagegen tun kann. IT-Sicherheit ist ein Geschäftsführer-Thema.“

Statement von EU-Kommissar Guenther H. Oettinger

Digitalisierung und Mittelstand

Die Dialogrunde auf der 10. FamilienunternehmerKonferenz

Zusammenfassung von Moderator und Unternehmer Wolf R. Hirschmann

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