Fuck-up Night: Scheitern öffentlich
Auf der Fuck-up Night kann jeder, der möchte, von seinem Scheitern bei der Unternehmensgründung erzählen. (Foto: Nicolai Unrein)

Fuck-up Night: Scheitern öffentlich

In Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Köln und Stuttgart gibt es die so genannten Fuck-up Nights. Auf den Veranstaltungen berichten Unternehmensgründer von ihrem Scheitern. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Misserfolge auch immer eine Chance sind.Yvonne Firdaus, Benjamin Teeuwsen und Oliver Wüntsch haben die „FuckUp-Night“ 2014 aus Mexiko importiert und im „Coworkingspace GarageBilk“ in Düsseldorf die erste Veranstaltung in Deutschland organisiert.

Mittlerweile kommen zu einer Veranstaltung 70 bis 100 Teilnehmer, unter ihnen etwa ein Drittel Gründer aus dem IT-Start-up-Bereich, ein Drittel klassische Unternehmensgründer und ein Drittel Interessierte. „Unternehmensgründer erzählen auf der Veranstaltung auf ehrliche Art und Weise über ihre Misserfolge“, sagt Teeuwsen. „Scheitern soll nicht als Makel wahrgenommen werden. Es gehört dazu und man kann viel daraus lernen. Nach einem Misserfolg macht man es eben anders.“ Oliver Wüntsch bekräftigt: „Kolumbus hat Amerika entdeckt statt den Seeweg nach Indien, Dyson hat seinen Staubsauger nicht an einem Tag erfunden und auch die heute erfolgreichen deutschen Unternehmen mussten Rückschläge verkraften. Scheitern gehört dazu, wenn man etwas Neues aufbaut, und bringt einen weiter.“

Mutig statt defizitorientiert

Die Voraussetzungen für Gründer in Deutschland bezeichnen Teeuwsen und Wüntsch als hervorragend: „Es gibt Dank des Internets sehr gute Möglichkeiten zur Vernetzung und zahlreiche Förderprogramme. Wir haben in Deutschland vielleicht nicht Apple und Amazon hervorgebracht, aber das liegt nicht an fehlenden Möglichkeiten. Und in anderen Ländern gibt es ebenso viel Bürokratie wie bei uns“, sagt Teeuwsen. Wüntsch nennt einige Gründe für den Misserfolg junger Unternehmen: „Manche sind zu blauäugig. Sie wissen nichts über ihre Zielgruppe und befassen sich nicht mit dem Markt. Auch die Akquisition neuer Kunden ist ein großes Thema. Viele tun sich damit schwer. Besonders Einzelunternehmer oder freiberufliche Selbstständige haben zu wenig Zeit für die Akquise und erzielen selten ausreichende Honorare.“

Der 46-Jährige weiter: „Im Prinzip haben wir in Deutschland wirklich sehr gute Bedingungen für Unternehmensgründungen und die Wertschätzung von Innovation ist hoch. Auch denen, die es geschafft haben, wird Anerkennung entgegengebracht. Insgesamt gibt es jedoch zu viele Ängste und Vorbehalte, die sich in der Gesellschaft festsetzen. Schon in der Schule lernen wir ein defizitorientiertes System kennen, das sich viel mit Schwächen beschäftigt, statt individuelle Stärken zu erkennen und weiterzuentwickeln.“

Drei Ansätze sind nach Erfahrung von Teeuwsen erfolgsentscheidend für Start-ups:
Blick, Haltung und Konzentration – eine klare Strategie (Blick), die passende Unternehmenskultur (Haltung) und Konzentration auf das Wesentliche, sich nicht verzetteln und Ressourcen überlegt einsetzen.
Frühzeitig validieren – keine gigantischen Pläne zur Eroberung des internationalen Markts schmieden und alles auf eine Karte setzen. „Große Businesspläne zu schreiben, ist out“, provoziert Teeuwsen. „Viel wichtiger ist es, sich einen schnellen Überblick über den Markt zu verschaffen und ein Gespür für den Markt und seine Bedürfnisse zu entwickeln.“
Das Team muss gut sein – ein Team, das sich gut ergänzt, ist am besten. Wenn das Team Fähigkeiten nicht besitzt, sollte man sich professionelle Unterstützung holen. „Verlassen Sie sich weder alleine auf die Dynamik junger Absolventen, noch auf die Erfahrung alter Hasen, die sich vielleicht nicht weiterentwickelt haben“, empfiehlt der 35-Jährige.

Etablierten Unternehmen, die Start-ups übernehmen, empfiehlt Teeuwsen, den Kulturunterschied nicht zu unterschätzen: „Ein großes Unternehmen kann sich nicht wie ein Start-up verhalten. Start-ups sind wesentlich dynamischer. Man muss ihnen die Freiheit geben, sich zu entwickeln. Dann besteht durchaus die Möglichkeit, sich gemeinsam neue Geschäftsfelder in jungen Märkten zu erschließen.“

Flexiblere und agilere Arbeitsformen

„Ein Businessplan ist geeignet, um das Bild und die Entwicklung eines Unternehmens zu antizipieren. Und man braucht ihn, um Geldgeber zu überzeugen. Andererseits ist es ein großer Aufwand. Start-ups haben begonnen, mit der „Business Modell Canvas“ zu arbeiten und orientieren sich am Lean-Start-up-Ansatz, beschreibt Wüntsch die Gegenbewegung zum Businessplan. „Dabei versucht man, eine Unternehmensgründung oder auch einen Produkt-Launch, mit möglichst wenig Kapital durchzuführen. Der Fokus liegt nicht auf einer langen Vorab-Planung, sondern vielmehr auf Learning-by-doing, indem man frühzeitig an den Markt geht und das Produkt oder die Dienstleistung testet.“ Der Unternehmer lernt aus dem Feedback des Marktes und kann sein Produkt entsprechend weiter entwickeln.

Es sind diese flexibleren und agileren Arbeitsweisen, die Start-ups für etablierte Unternehmen interessant machen, ist Wüntsch überzeugt. „Das ist der große Zukunftstrend in der Unternehmensentwicklung. Durch die Digitalisierung dreht sich das Rad viel schneller. Der Mittelstand wird sich umstellen müssen, Start-ups können dabei helfen, eine zukunftsfähige Arbeitsweise zu implementieren. Die jungen Unternehmen können von den mittelständischen Unternehmern mehr lernen als von den Managern großer Konzerne. Denn die Unternehmer verfügen über große Erfahrung in der Führung eines Unternehmens und in langfristiger Planung. Beides fehlt den Gründern – eine Win-win-Situation.“

www.fuckupnights.com
 

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