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Börsenpsychologie für UnternehmerWirtschaftsrat bei der Stuttgarter Börse
Am 9. November war der Juniorenkreis Baden-Württemberg des Wirtschaftsrats zu Gast in der Börse Stuttgart. Nach einem Rundgang über das Börsen-Parkett und der Vorstellung des Börsen-TV gewährte Winfried Neun, Börsenpsychologe und Geschäftsführer der K.O.M. Kommunikations- und Managementberatung GmbH den Gästen einen Einblick in die Börsenpsychologie. Die Unternehmer erfuhren, „warum es so schwer fällt, das Richtige zu tun“ und konnten einige überraschende Erkenntnisse über Change- und Krisen-Management mitnehmen. Börse on demand
Andreas Franik informierte über das Börsen-TV. Nach der Begrüßung durch den Landesvorsitzenden des Juniorenkreises, Dr. Peter Wende, stellte Andreas Franik, Leiter TV-Kommunikation der Börse Stuttgart, die Aktivitäten der Börse Stuttgart auf dem Parkett der bewegten Bilder vor. 65 Prozent der Internetnutzer schauen Videos an, erzählte Franik. Das habe die Börse Stuttgart, übrigens die drittgrößte Börse in Deutschland und die neuntgrößte in Europa, dazu veranlasst, sich verstärkt mit ihrem Börsen-TV im Internet zu präsentieren. Den Trend 2012 sieht der Experte eindeutig „weg von der Tagesschau, hin zu Information on demand“. Im Internet könne man sich die Informationen immer dann besorgen, wenn man gerade Zeit dazu habe. Stets abrufbare Videos seien die Währung dieses Jahrzehnts. Kostenlos, professionell und vielseitig müsse Information heute sein, sagte Franik. Man müsse verschiedene Formate anbieten und vieles ausprobieren. Die Zeit der großen Strategien im Internet sei vorbei, denn es passiere alles zu schnell: „Man muss machen.“ Die Börse sei mittlerweile im Fernsehen, in Youtube, auf itunes und über die Webseiten ihrer Kooperationspartner präsent. „Content is King“, sagte Franik. „Wir behalten unsere Produktionen auch nicht für uns, sondern nutzen die Weiterverbreitung durch unsere Interview- und Gesprächspartner.“ Der Erfolg gibt ihm Recht: 60.000 Klicks pro Monat erreicht im Moment das hauseigene TV-Center, weitere 40.000 über Youtube. Angst blockiert GehirnAls Anleger an den Börsen könne man derzeit nur verunsichert sein, erklärte Börsenpsychologe Winfried Neun. Die Aktien würden trotz bester Unternehmenswerte fallen. Ein Krisenszenario jage das nächste. Die Krise würde zum Dauerzustand. „Wir müssen lernen, anders damit umzugehen“, sagte Neun. Doch das falle unserem Gehirn nicht leicht. Die moderne Medienwelt überfordere unser Gehirn, das mit 36.000 Entscheidungen pro Tag sowieso hoffnungslos überfordert wäre. Vor zehn Jahren seien es nur 20.000 gewesen. 80 Prozent an der Börse sei Psychologie. Dahinter stecke die Angst der Anleger. Und Angst spreche unser Reptiliengehirn an, das nur auf zwei Dinge aus sei: Lustgewinnung und Schmerzvermeidung. „Sobald man Angst hat, wird Adrenalin ausgeschüttet und blockiert das Gehirn“, erklärte Neun den Mechanismus. „Wir sind nicht mehr in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Also warten wir ab, die Aktien fallen weiter und wir machen Verluste, obwohl wir wissen, dass wir etwas tun müssten.“ Diesem Teufelskreis könne man nur mit einem Stimmungsmanagement entkommen, doch dafür müsse man wissen, wie das Gehirn funktioniere. Logisches Denken reicht nicht
Börsenpsychologe Winfried Neun Ganz im Gegensatz zu dem, was die meisten glauben, nämlich dass der Mensch ein rational handelndes Wesen ist, sind die tatsächlichen Abläufe in unserem Gehirn ganz anders. Unser Handeln sei eher bestimmt von unserer Stimmungslage, sagte der Psychologe. „Unser Gehirn interpretiert Nachrichten und Informationen je nach Stimmungslage. Es sucht sich die Nachrichten heraus, die zu unseren Absichten passen. Deshalb treffen wir Entscheidungen weniger rational als von unserer Stimmung beeinflusst.“ Das gelte nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Gruppen und sogar Gesellschaften. Als Beispiel nannte Neun die Amerikaner, die anders mit Krisen umgehen als die Deutschen. „Für das Lösen komplexer Probleme sind Gelassenheit und Selbstvertrauen nötig. Offensichtlich haben die Amerikaner davon mehr.“ Man müsse seine Einstellung verändern, bevor die Einstellung einen selbst verändere. Die Phasen der VeränderungVeränderung, so Neun, geschehe in drei Phasen. In der Unfreezing-Phase müsse das Gehirn die Lage begreifen. „In dieser Phase sprechen wir davon, die Menschen abzuholen“, so der Psychologe. „In der Change-Phase werden alle bekannten Routinen platt gemacht. In der Refreezing-Phase lernen wir die Veränderung als gut zu akzeptieren.“ Veränderung bedeute wollen mal können mal dürfen. Für Veränderung gebe es drei Motive: das Beziehungsmotiv, das Leistungsmotiv und das gestalterische Machtmotiv. Eines dieser Motive sei in der Regel dominant. Entscheidend dabei sei, welche Hirnhälfte die Kontrolle übernehme. Diese Erkenntnis könne man auch auf Unternehmen anwenden. Intelligentes Wachstum in Unternehmen gehe mit Veränderung einher, heute mehr als je zuvor. Deshalb brauche es einen Paradigmenwechsel in der strategischen Ausrichtung; mehr Kreativität und Querdenken müsse erlaubt sein und müsse einher gehen mit einer nutzenorientierten Innovation. Veränderungsbereitschaft und Kritikfähigkeit würden zu Performance Treibern. Vertrauen und Nachhaltigkeit könnten auf dieser Basis wieder wachsen. Zum Schluss empfahl Neun seinen Zuhörern sich selbst mehr zu vertrauen, um das Richtige zu tun. „90 Prozent aller Gefühlsentscheidungen sind richtig“, ermunterte er. „Den Homo Oeconomicus gibt es nicht.“ Zum Weiterlesen: Warum es uns so schwer fällt, das Richtige zu tun von Winfried Neun, ISBN 978-3-86980-112-4, 24,80 Euro
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